Große Unterschiede: Warum es dem Einzelhandel in Kreuzau besser geht als in Langerwehe

Große Unterschiede : Warum es dem Einzelhandel in Kreuzau besser geht als in Langerwehe

Erst schließt der Metzger, dann ein Geschäft für Haushaltwaren, dann noch ein Gemüsehändler und der Schreibwarenladen: Im Zentrum von Langerwehe gibt es immer mehr Leerstände. Nur rund 15 Kilometer entfernt in Kreuzau sieht die Lage ganz anders aus. Woran liegt das?

Anfang des Jahres hat der letzte noch verbliebene Metzger im Zentrum von Langerwehe geschlossen, im August machten das Haushaltswarengeschäft und der türkische Gemüsehändler an der Hauptstraße dicht. Der Schreibwarenladen mit Lottoannahmestelle an der Kirche ist auch nicht mehr da. Dafür gibt es viele Versicherungsmakler mit einem Büro an der Haupteinkaufsstraße, thailändische Massagesalons und Nagelstudios. Einige Ladenlokale stehen ganz leer. Im knapp 15 Kilometer entfernten Kreuzau sieht die Situation völlig anders aus. Dort finden sich viele Inhaber geführte Geschäfte, alle Ladenlokale sind besetzt. Aber woran liegt das? Eine Spurensuche.

Grundsätzlich sind die beiden Gemeinden durchaus vergleichbar: Langerwehe hat knapp 15.000 Einwohner, Kreuzau etwa 2000 mehr. Das durchschnittliche Bruttojahresgehalt liegt laut Angaben des Statistischen Landesamtes in Langerwehe bei 41.342 Euro, in Kreuzau mit 39.260 Euro knapp darunter. „Ein großes Problem ist, dass es nicht mehr möglich ist, die Dinge für den täglichen Bedarf im Zentrum von Langerwehe einzukaufen“, sagt Heinz Herten, Vorsitzender der Interessenvereinigung „Pro Langerwehe, einem Zusammenschluss von Geschäftsleuten, Einzelhändlern und Freiberuflern.

Zwar gibt es im Ortskern der Töpfergemeinde einen großen Drogeriemarkt, aber im Lebensmittelbereich nur noch Bäckereien. Herten: „Die Menschen fahren zu den großen Nahversorgern im Gewerbegebiet. Viele kommen gar nicht mehr in den Ort.“

Alltägliche Bedürfnisse werden nicht mehr gedeckt

Christian Pförnter, Inhaber einer Apotheke, ergänzt: „Die Zahl unserer Laufkundschaft hat sich mindestens um zehn Prozent reduziert, seitdem es nicht mehr möglich ist, die Bedürfnisse des täglichen Bedarfes im Ort zu decken.“ Ähnlich sieht das auch Renate Biergans, die in Langerwehe ein Bekleidungsgeschäft betreibt: „Gerade samstags ist das Dorf wie ausgestorben. Es muss wirklich dringend etwas passieren.“ Die Menschen führen zum Drogeriemarkt, kauften dort ein und seien dann wieder weg. Biergans: „Die meisten gehen nicht mehr in andere Geschäfte. Leider.“

Parksituation in Langerwehe „viel zu kompliziert“

Die Verantwortlichen der IV „Pro Langerwehe“ nennen zwei Hauptpunkte, die sich in der Töpfergemeinde ihrer Meinung nach unbedingt ändern müssen. Herten: „Die Parksituation ist nicht klar geregelt. Es gibt ein relativ kleines Schild, das erklären soll, wie das Zonenparken funktioniert. Das ist viel zu kompliziert. Die Parksituation muss viel klarer geregelt werden.“ Außerdem müsste die Aufenthaltsqualität im Ort dringend verbessert werden. „Nehmen wir doch nur den Bereich Töpferbrunnen“, sagt Herten. „Der Brunnen ist total veralgt und sprudelt nicht mehr. Das Mosaik platzt ab. Da setzt sich doch keiner hin.“

Denkbar wäre beispielsweise darüber hinaus, den vorderen Teil des Kirchvorplatzes so zu gestalten, dass er zum Verweilen einlädt. Herten: „Aber dazu müsste die Gemeinde natürlich Geld in die Hand nehmen. In vielen anderen Kommunen, auch solchen unserer Größenordnung, sind Masterplanprozesse angestoßen worden, um die Situation im Dorf zu verbessern. In Langerwehe tut sich auf dem Gebiet nichts.“

Grundsätzlich wünschen sich die Verantwortlichen der IV „Pro Langerwehe“ mehr Unterstützung von Seiten der Gemeindeverwaltung. Renate Biergans: „Eigentlich müsste es eine Herzensangelegenheit des Bürgermeisters sein, dass der Einzelhandel in Langerwehe funktioniert. Wir können dem doch nicht völlig egal sein.“

Die gute Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Händlern ist für Volker Bülow von der Kreuzauer Interessengemeinschaft (KIG) einer der Hauptgründe, warum es in der Rureifelgemeinde noch einen florierenden Einzelhandel gibt. „Entlang der Hauptstraße wird es im Rahmen des Masterplanprozesses zu Umgestaltungen kommen“, sagt Bülow. „Aber da stehen wir in ständigem Austausch mit dem Bürgermeister und werden in alle Entscheidungen eingebunden.“ Bülow glaubt, dass es ein Fehler war, in Langerwehe den neuen Vollsortimenter vor dem Ort angesiedelt zu haben. „Wir haben zwar in Kreuzau auch einen Supermarkt etwas außerhalb, nämlich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schulzentrum. Wir versuchen aber jetzt – wieder im Einklang mit der Gemeinde –, dass die Geschäfte, auch Lebensmittelhändler, im Ort bleiben.“

Im 15 Kilometer entfernten Kreuzau sieht das ganz anders aus.: Hier gibt es aktuell keine Leerstände. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Eines ist für den Händler, der viel unterwegs ist, weil er auch als Schaufensterdekorateur aktiv ist, klar. „Die Kunden suchen sich neue Wege. Und wenn sie alles, was sie brauchen, außerhalb des Ortskerns finden, dann fahren sie nicht mehr ins Zentrum. Warum auch?“

Gute Parksituation in Kreuzau

Bülow ist überzeugt, dass die gute Parksituation in Kreuzau ein weiterer Pluspunkt für den dortigen Einzelhandel ist. „Die Leute kaufen heute zielorientiert ein, das heißt, sie flanieren kaum noch. Unsere Kunden kommen zu uns, parken direkt vor dem Laden und fahren dann 500 Meter weiter zum nächsten Geschäft. Eine lange oder komplizierte Parkplatzsuche schreckt die Menschen ab.“

Jörg Hamel ist Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Aachen, Düren, Köln. Foto: Michael Jaspers

Jörg Hamel, Geschäftsführer des Einzelhandelverbandes Aachen, Düren, Köln, nennt noch einen anderen Aspekt. „Orte, und das gilt sicherlich auch für Langerwehe, verändern sich strukturell. Das bedeutet zum Beispiel, dass Neubaugebiete eben nicht da entstehen, wo der Handel bisher ist. Das kann zur Folge haben, dass manche Straßenzüge nicht mehr für Handel geeignet sind.“

Ein sogenanntes „Down-Grading“ sei dafür ein sicheres Indiz. Hamel: „Wenn sich in einem Gebiet immer häufiger Dienstleister, Nagelstudios oder gar Tättowierer niederlassen, ist das ein Zeichen dafür, dass diese Lage nicht mehr attraktiv ist.“ Auch Kommunen der Größenordnung von Langerwehe und Kreuzau, ergänzt Hamel, bräuchten eine Strategie. „Eine vernünftige Ortsentwicklung ist essentiell. Dabei muss geklärt werden, ob Geschäfte an neuen Standorten sinnvoll sind, oder wie man beispielsweise die Hauptstraße beleben kann.“

Konkret bezogen auf die Gemeinde Langerwehe, sagt Hamel: „Die Lage ist nicht unattraktiv. Es gibt einen eigenen Bahnhof. Das muss die Gemeinde nutzen.“ Es sei wichtig, ergänzt Hamel, Handelspunkte zu schaffen, um Menschen zusammenzuführen. „Das ist auch Aufgabe einer Kommune. Gerade im Hinblick auf den demographischen Wandel muss sich eine Verwaltung fragen, wie es gelingen kann, die Versorgung der Menschen im Zentrum sicherzustellen.“

Liebenswert und attraktiv

Ortskerne müssten liebenswert und attraktiv sein, damit Menschen sich dort gerne aufhalten. Hamel: „Dazu gehört auch, mehr Frequenz in den Ort zu holen. Und das schafft man am ehesten, wenn es gelingt, einen Nahversorger ins Zentrum zu bringen.“ Konzepte wie die Dorv-Läden, eine Idee, die in Jülich-Barmen entwickelt wurde, oder Sozial-Supermärkte wie die CAP-Initiaitive, in denen Menschen mit Behinderung arbeiten, gebe es genug. Hamel: „Die Kommune muss nur genau gucken, was passt. Ich sage nochmal: Zukunftsfähig sind nur die Gemeinden, in denen die Verantwortlichen wirklich einen Plan haben.“

Die Mitglieder der IV „Pro Langerwehe“, die schon diverse Maßnahmen ergriffen haben, wollen jedenfalls demnächst das Gespräch mit Bügermeister Heinrich Göbbels (CDU) suchen. Herten: „Wir veranstalten Ortsfeste, finanzieren ein Kehrmännchen, damit die Gemeinde sauber bleibt, sorgen dafür, dass die Bäume im Ort im Frühjahr mit Maiplümen geschmückt werden und es im Dezember eine Weihnachtsbeleuchtung gibt. Mehr ist aber nicht zu schaffen. Jetzt brauchen wir einfach Unterstützung.“ Die SPD scheint das Problem erkannt zu haben, jedenfalls gab es jüngst ein Bürgergespräch zur Sitution des Handels. Herten: „Wir brauchen in der Frage einen breiten politischen Konsens. Alle Parteien müssen an einem Strang ziehen, sonst funktioniert es nicht.“

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