Krav Maga: Schlägen und Tritten gegen den Angreifer

Selbstverteidigung : Krav Maga: Wenig Technik, viel Intuition

Hedi Neßelrath bezeichnet sich selbst als eher unsportliche Person und sagt, wenn sie einen strengen Blick auf ihr Hobby werfe, sei das eigentlich kein Sport, sondern Selbstschutz.

Nass geschwitzt ist man nach einer Unterrichtsstunde bei ihr trotzdem. Neßelrath unterrichtet Krav Maga bei der Familienbildungsstätte der Evangelischen Gemeinde Düren und lässt sich dabei über die Schulter schauen.

Vor den großen Fenstern des Gymnastiksaals der Familienbildungsstätte wird es dunkel, als nacheinander Frauen und Männer, Jüngere und Ältere hereintrudeln. Sie ziehen Sportschuhe an und – fast noch wichtiger – einen Tiefschutz. Nicht nur die Herren, auch die Damen greifen zu der optisch wenig schmeichelnden, aber umso nützlicheren Polsterung. Im Laufe des Abends wird es unzählige gezielte Tritte zwischen die Beine geben. Denn Tritt- und Schlagtechniken sind Kernelemente von Krav Maga, einem Selbstverteidigungssystem, das seine Wurzeln in Israel hat. Die Meinungen darüber, ob es sich dabei eher um Selbstschutz oder einen Kampfsport handelt, gehen laut Hedi Neßelrath auseinander.

Die 49-Jährige und der Verein, in dem sie organisiert ist, die „You can fight“-Gruppe in Köln, wollen aber keinesfalls in die Kampfsport­ecke gestellt werden. Für Neßelrath steht ein einziges Ziel im Fokus – und das wiederholt sie auch an diesem Abend immer wieder für ihre 13 Kursteilnehmer: Es komme darauf an, aus der gefährlichen Situation herauszukommen.

Der Tiefschutz ist nicht nur für die männlichen, sondern auch für die weiblichen Teilnehmer ein Muss, um sich vor Tritten zu schützen. Foto: ZVA/Anne Welkener

Wenn es brenzlig wird, man bedroht oder angegriffen wird, geht es darum, schnellstmöglich flüchten zu können. Wie genau man dabei das Gegenüber verwirrt, abwehrt oder vielleicht sogar überwältigt, spielt eine untergeordnete Rolle. Ob die Schlag- oder Tritttechnik in dem Moment perfekt war, interessiere niemanden, sagt Hedi Neßelrath. Entscheidend sei doch, dass es gelingt, Zeit zu gewinnen, um wegrennen oder Hilfe rufen zu können.

Deshalb beschäftigt sich die erste Übung des Abends mit der Frage: Wie wehre ich einen Schlag ins Gesicht ab? Die Teilnehmer stehen in einer Reihe nebeneinander, die Kursleiterin holt eine junge Frau nach vorne, um zu demonstrieren, wie es geht. Neßelrath holt mit dem rechten Arm aus und zielt seitlich mit der Faust auf das Gesicht ihres Gegenübers. Reflexartig hält die Bedrohte den linken Arm hoch und blockt den Angriff ab. „Hast du schon Erfahrung im Selbstschutz?“, fragt Neßelrath.

Zur Übung werden Tritte und Schläge gegen große Schlagpolster ausgeteilt. Foto: ZVA/Anne Welkener

Als daraufhin Kopfschütteln von der Anfängerin kommt, dreht sich die Lehrerin triumphierend zur Gruppe: „Seht ihr? Das ist Krav Maga. Da ist viel Intuition bei.“ In Zweierteams üben die Anderen daraufhin, die Schläge des Partners abzuwehren. Das klappt bei allen ziemlich schnell, sorgt aber nach wenigen Minuten für schmerzende Unterarme. „Das gibt morgen blaue Flecke“, sagt ein Teilnehmer grinsend und wird direkt korrigiert: „Das heißt Krav-Maga-Tattoos“, meint Neßelrath und schmunzelt.

Sie geht im Raum umher, motiviert, spornt an, korrigiert. Immer wieder wird sie mit Fragen gelöchert: Was ist, wenn der Angreifer jetzt so zupackt? Was, wenn der Täter besonders groß und das Opfer sehr klein ist? Was, wenn eine ganze Gruppe angreift? Neßelrath stellt immer wieder Situationen nach, gibt Tipps, zeigt Tricks und stärkt damit weiter das Selbstbewusstsein der Kursteilnehmer. Sie selbst vergleicht das gern mit einem Werkzeugkasten: In jeder Stunde gibt sie ihren Schützlingen ein Werkzeug mehr an die Hand.

Sie ist am Ziel, wenn ihre Kursteilnehmer erkennen, dass sie sich aus einer brenzligen Situation befreien können – auch gegen jemanden, der körperlich überlegen ist. Wie nötig das ist, merkt Hedi Neßelrath auch immer wieder, wenn sie von Menschen hört, die solche Verteidigungstechniken schon einmal gebraucht haben. „Das sind mehr Leute als man denkt“, meint sie. In ihren Kursen zwischen 30 und 50 Prozent. „Die Mentalität, die Gewaltbereitschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert“, ist ihr persönlicher Eindruck.

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