Düren: Kölner Stunksitzung im Haus der Stadt: Unplugged, bissig und ziemlich komisch

Düren : Kölner Stunksitzung im Haus der Stadt: Unplugged, bissig und ziemlich komisch

Das Rheinische Grundgesetz hilft in brenzligen Situationen immer weiter. Besonders Paragraf 3: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Ob Hunger in der Welt, selbst ernannte Götter an der weltlichen Macht oder schlicht die Frage, ob es noch in Ordnung ist, seine Kinder die 500 Meter bis zur Schule mit dem Diesel-SUV zu fahren: Ja, alles schlimm, alles schrecklich, alles fragwürdig. Ganz ohne Frage.

Aber davon ließ sich das größte Kabarett-Ensemble Deutschlands nicht die Laune vermiesen. Getreu dem Motto „Die Stimmung bleibt“ feierten zwölf Mitglieder der Kölner Stunksitzung mit ihren Dürener Fans fast drei Stunden lang im Haus der Stadt. Unplugged.

Das Ensemble hielt, was es im Vorfeld selbst versprochen hatte: schmutziges Kabarett, rheinischen Frohsinn der dreckigsten Art, begnadigte Körper, sentimentalen Mist und sinnlose Wortkaskaden. Den Dürenern blieb wirklich nichts erspart, was sie an Höhepunkten in der Vorkarnevalszeit in Köln verpasst hatten. Und dafür dankte das Publikum mit stehenden Ovationen, tosendem Beifall — und rang den Gästen aus der Domstadt eine Zugabe nach der anderen ab.

Die Mischung am Abend stimmte einfach: Heiteres, weltanschaulich Schmerzhaftes, bitterböse Politsatire ohne Netz und doppelten Boden sowie Livemusik vom Feinsten, gewürzt mit radikalen „Alaafisten“ und depressiven Bonbons, die niemand mehr am Rosenmontag von der Straße aufheben möchte. Durch das Programm führte Biggi Wanninger, die keine Chance ausließ, scheinbar nebensächlich zwischen den kleinen Nummern mit spitzer Zunge die große Weltpolitik zu kommentieren.

Anarchistisch angehaucht

Wer nun glaubte, diese anarchistisch angehauchten Karnevalisten würden sich nur das Maul zerreißen und amüsante Sprüche kloppen, lag falsch. Aber sowas von falsch. Das Ensemble der Stunksitzung präsentierte in seinen Sketchen, Liedern und Appellen auch handfeste Lösungsvorschläge für Probleme der Zeit. Beispielsweise die Verrohung der Sitten und die sinkende Allgemeinbildung: Wer mehr höhere Bildung möchte, muss einfach höhere Schulgebäude bauen. Genial einfach, oder?

In einer Parodie auf Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wies diese die Vorwürfe zurück, dass die Bundeswehr nicht einsatzbereit sei. Zugegeben, sie entließ den Generalinspekteur der Luftwaffe, weil flugunfähige Flugzeuge eher den Bodentruppen zuzurechnen sind, dafür präsentierte sie aber den neuen General für Kitas und U-3-Betreuung und verkündete ein massives Aufrüstungsprogramm: Der letzte noch einsatzbereite Leopard-Panzer (eine Leihgabe des ADAC) soll im Ernstfall von 7999 Bobby Cars unterstützt werden. Diese werden in den Tarnmustern Wald, Wüste und Blümchen geliefert.

Die Mitglieder der Kölner Stunksitzung bewiesen ein feines Gespür für Skurriles und Absurdes im Alltag, schreckten aber auch vor brachialer Komik fernab jeder Political Correctness nicht zurück. So polterte ein gut aufgelegter Donald-Trump-Klon, dass es für ihn als Immobilien-Tycoon beim Einzug ins Weiße Haus „schon ein herrliches Gefühl war, eine ‚schwarze Famillisch‘ vor die Türe zu setzen“. Ja, die Kölner Stunksitzung auf Dürener Bühnenbrettern war wie das echte Leben. Die Grenzen zwischen Kabarett, Karneval und Realsatire verschwimmen auch in der (Welt)Politik zunehmend.

(sj)
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