Klinikchefin Dr. Ulrike Beginn-Göbel des LVR geht in den Ruhestand

Meilensteine und neue Kooperationen : Die Klinikchefin des LVR geht in den Ruhestand

In verantwortlicher Position loszulassen, fällt nicht immer leicht. Das dürfte auch Dr. Ulrike Beginn-Göbel, Ärztliche Direktorin der Dürener LVR-Klinik, so gegangen sein. „Ich bin hier hoch getaktet gelaufen und werde jetzt neue Inhalte definieren müssen“, sagt sie.

Losgelassen hat sie aber freiwillig und vor allem frühzeitig. „Es gab im Umfeld Erfahrungen, dass unser Leben endlich ist. Das hat dazu beigetragen, mir etwas Kostbares zukommen zu lassen: Zeit.“

Zeit, die die 62-Jährige mit ihrem Mann verbringen möchte. Befördert haben dürfte den Entscheidungsprozess, dass Beginn-Göbel ein gut aufgestelltes Haus hinterlässt. Zwei neue Klinikbauten konnten in ihrer achtjährigen Amtszeit auf dem LVR-Gelände realisiert werden, Beginn-Göbel selbst spricht in dem Zusammenhang von „einem Meilenstein“ und bezieht das vorrangig auf die Patienten: „Sie merken, dass sie uns das wert sind.“ Der Klinikumbau ging zudem einher mit einer Aufstockung der Mitarbeiter. „Mein Credo war stets: Eine gute Arbeitsatmosphäre, ein kollegiales Miteinander und gegenseitige Wertschätzung spüren auch unsere Patienten.“

Acht Jahre war Beginn-Göbel als Ärztliche Direktorin in Düren tätig, war zuvor Stellvertreterin, mit 35 schon Chefärztin und hat ihr ganzes berufliches Leben in der Dürener Einrichtung verbracht. Dafür empfindet sie viel Dankbarkeit: „Ich hatte großes Glück, bin nie auf Widerstände gestoßen.“ Eines ihrer wesentlichen Ziele, die Klinik vom Stigma des „Jeckes, wo die Verbrecher sind“ zu befreien und in ein Zentrum für seelische Gesundheit umzuwandeln, ist Beginn-Göbel gelungen. Sie definiert die Klinik heute als „Fachklinik, die kompetente Hilfe im Falle einer seelischen Erkrankung anbietet“.

Beginn-Göbel weiß aber auch, dass sich die Klinik weiterentwickeln muss. „Alles, wo wir Synergieeffekte schaffen, sind ideale Projekte“, sagt sie etwa – und hat frühzeitig entsprechende Kooperationen eingeleitet. So bei der Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus Düren im Bereich der Altersmedizin. Daraus entwickelt hat sich in Kooperation mit dem Rheinischen Blindenfürsorgeverein das neue Zentrum für Altersmedizin, das im Frühjahr an der Roonstraße seine Pforten öffnen wird. Oder auch die vorausschauende Kooperation mit dem Krankenhaus im Bereich der Ausbildung auf dem LVR-Gelände, wo die Arbeiten zum Umbau des Hauses 8 kurz bevor stehen. „Es wird hier nie Stillstand geben. Man muss das Erreichte stets prüfen und überlegen, was der nächste Schritt ist“, sagt sie.

Das vielleicht auch deshalb, weil die Angebote an kompetenter Hilfe bei seelischen Erkrankungen künftig auch ganz anders aufgestellt sein müssen. Beginn-Göbel hat nie ausschließlich nur nach innen geschaut, sondern stets auch Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft kritisch begleitet und frühzeitig davor gewarnt, dass immer mehr Menschen sich in virtuellen Welten bewegen und die Gefahr bestehe, das soziale Gewissen zu verlieren.

„Gesellschaftliche Rahmenbedingungen werden komplexer. Menschen fühlen sich allein gelassen“, konstatiert sie und wünscht sich, dass Menschen wieder mehr Verantwortung füreinander übernehmen. Aber: „Psychiatrie kann da nicht zur Kehrtwende in der Gesellschaft beitragen. Die Verantwortung liegt bei der Politik. Aber die Fachleute müssen auf diese Entwicklungen aufmerksam machen und eine Gegensteuerung anregen.“

Überbürokratisierung

Beim Stichwort „gegensteuern“ legt Beginn-Göbel den Finger noch in eine andere Wunde. die sie bei ihrer Arbeit in den vergangenen acht Jahren eher behindert hat: „Es gibt eine zunehmende Regulierung und Überbürokratisierung, verbunden mit immer mehr administrativen Aufgaben – das bereitet mir Sorgen. Und es kostet Zeit, die wir für die Behandlung der Patienten brauchen.“

Auch die zunehmende Digitalisierung sieht sie eher kritisch: „Es gibt eine Tendenz zu Datengräbern, die aber keine neuen Erkenntnisse liefern.“ Und das bei einer Einrichtung, in der nicht die Daten, sondern der Mensch im Mittelpunkt stehen muss. Wenn man Ulrike Beginn-Göbel fragt, wie denn „ihre“ Klinik in 15 oder 20 Jahren aussehen könnte, hat sie darauf natürlich eine Antwort parat.

Da geht es nicht um virtulle Weltenoder Daten, sondern um den Menschen. Und sie knüpft an die eingangs erwähnte Verwandlung vom „Jeckes“ in ein „Zentrum für seelische Gesundheit“ an: „Es ist ein lebendiges Zentrum, es sind viele junge Menschen unterwegs, jedes Gebäude hat eine sinnvolle Nutzung und man  kann nicht unterscheiden, wer Patient und wer Pfleger ist.“ Ob dieser Idealzustand in 15 oder 20 Jahren erreicht werden kann, wird Beginn-Göbel nicht mehr beeinflussen können. Aber vielleicht hat sie den Grundstein dazu gelegt.

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