Kampf um die Talsperren: Wehrmacht sprengt Grundablass, um US-Armee zu stoppen

Blick in die Geschichte : Wehrmacht sprengt Grundablass, um US-Armee zu stoppen

Die Rur plätschert in diesen Tagen seicht und friedlich vor sich hin. Im Februar 1945 war sie ein reißender Fluss, an manchen Stellen bis zu 200 Meter breit. Ein 23 Jahre junger Leutnant der Wehrmacht, Hermann Mangels, hatte die Grund­ablässe der Urft- und der Rurtalsperre gesprengt und den Fluss für die amerikanischen Soldaten zu einem Hindernis auf dem Weg in Richtung Rhein gemacht.

Die erbitterte Schlacht im Hürtgenwald ist vielen Menschen bekannt, die Staudämme der Eifel als strategischer Knackpunkt des Krieges zum Ende dieser Schlacht hingegen weniger. Einer, der sich mit diesem Teil der Geschichte beschäftigt, ist VHS-Referent Dirk Küsters.

„Das US-Militär hatte schon 1944 mit Bombardierungen versucht, die Urftstaumauer und den erst wenige Jahre zuvor errichteten Damm der Rurtalsperre bei Schwammenauel zu zerstören“, erklärt Küsters. Sie hatten bereits befürchtet, dass die Wehrmacht das Wasser der Talsperren als Kriegswaffe einsetzen würde. Aber die massiven Bauwerke hielten dem Bombardement stand. Leutnant Hermann Mangels war für die Talsperren und die Kraftwerke zuständig und hatte den Befehl, die Grundablässe zu schließen und die Talsperren somit so voll wie möglich  werden zu lassen.  Und er erhielt das Kommando, Sprengsätze an den Grundablässen und den Verschlussschiebern der Ablassstollen anzubringen.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1945 zündete er sie. „Zuvor hatte die US-Armee in einem Bunker die Funker festgenommen, die dafür zuständig waren, die Pegelstände der Talsperren verschlüsselt durchzugeben“, erklärt Küsters. Daraufhin sei zuerst der Sprengsatz am Verschluss des Grundablasses auf der Rurseeseite gezündet worden, kurz danach explodierte die Brücke über dem Hochwasserüberlauf des Schwammenaueler Dammes. Die nächste Detonation gab es am Fuße des Dammes, wo sich das Wasser des Rursees dann ins Tal ergoss. „Anschließend wurde das Ende des Stollens gesprengt, der von der Urfttalsperre zum Heimbacher Jugendstilkraftwerk führte“, erklärt Küsters.

Das Bild eines amerikanischen Soldaten, der auf das herausschießende Wasser oberhalb des Jugendstilkraftwerkes blickt, schrieb später Geschichte. „Nach dieser Sprengung machte sich Hermann Mangels auf den Weg zur Urftstaumauer, um im dortigen Schieberhaus am Anfang des Stollens die letzte Verriegelungsmöglichkeit zum Stopp der Wassermassen zu zerstören“, weiß Küsters. Mangels geriet unter Beschuss, rettete sich aber in den Wald und wurde zum Verbandsplatz Mariawald gebracht – und später von den Nationalsozialisten mit vielen Auszeichnungen dekoriert.  

Krieg um die Talsperren. Foto: US Signal Corps

Der Urftsee war 1944 bis zum Überlaufen, also mit mehr als 45 Millionen Kubikmetern Wasser, gefüllt, und auch der Rursee war voll, wie Luftbilder zeigen. Luftaufnahmen der Amerikaner zeigen, wie die Rur zu einem breiten Fluss wurde. Aber das Wasser floss auch wieder ab, nach einigen Tagen überwanden die US-Soldaten den Fluss und die Verteidigungsstellungen.

„Durch Frankreich und Belgien war die Armee in 95 Tagen marschiert, von der deutschen Grenze bis über die Rur dauerte es mehr als vier Monate“, ruft Küsters die Schlacht im Hürtgenwald in Erinnerung.

Krieg um die Talsperren. Foto: US Signal Corps

Nach dem Kriegsende, sagt Küsters, seien die Talsperren und die zerstörten Ablässe wieder aufgebaut worden. „Die Zerstörung der Schiebeanlagen war sehr punktuell“, erklärt Küsters. Schließlich sei die Wehrmacht davon ausgegangen, die Amerikaner zu besiegen – und dann wollte sie schon bald wieder Strom produzieren. Doch die Schlacht im Hürtgenwald und der Vormarsch der Amerikaner über die Rur brachten die Wende und das Ende des Krieges.

Jahrzehnte später, in den 1990er Jahren, fotografierte Dirk Küsters den wegen Wartungsarbeiten nahe der Urftstaumauer leeren Obersee, in dem etliche Bombenkrater zu sehen waren.

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