Düren: Kabarettist Thomas Freitag: Wut gegen Zeitgeist und Irrsinn

Düren: Kabarettist Thomas Freitag: Wut gegen Zeitgeist und Irrsinn

Seit 30 Jahren arbeitet er in einer Stadtbibliothek, die nun geschlossen werden soll: Herr Schüttlöffel ist außer sich, er nimmt seine Bücher als Geiseln und verbarrikadiert sich. Seine Wut richtet sich gegen Zeitgeist und politischen Irrsinn, gegen angebliche Alternativlosigkeit, gegen das Sparen an der Kultur, Schnäppchenjagen, Kapitalismus und Gleichmacherei.

Und er führt vor, wie schwer es ist, mit bayrischen Landwirtsfingern ein iPhone zu bedienen. Thomas Freitag zieht am Donnerstag, 15. Mai, ab 20 Uhr im Komm-Zentrum in Düren mit seinem Programm „Der kaltwütige Herr Schüttlöffel“ wieder alle Register des Kabaretts.

Wie macht man politisches Kabarett, wenn es eigentlich gar keine richtige Politik mehr gibt?

Freitag: Früher hat sich das politische Kabarett sehr viel mehr am Verhalten von Politikern orientiert, weil die eben auch für bestimmte Richtungen standen. Ein Strauß, ein Wehner, ein Brandt, aber auch Kohl, um nur einige Personen zu nennen, an denen man sich politisch gerieben und satirisch abgearbeitet hat. Heute, wo es sich immer deutlicher abzeichnet, dass wir quasi in einer Wirtschaftsdiktatur leben, der sich die politische Klasse immer mehr unterzuordnen hat, ist es komplizierter geworden, den Fokus für das Publikum auf die richtigen Zusammenhänge zu lenken. Es geht also vielmehr um Systemkritik. Da wird es politisch irrelevant, welchen Hosenanzug die Kanzlerin heute trägt. Ich drücke meine Anliegen eher im Verhalten von Figuren aus, die ich auf der Bühne spiele, als durch nach unten ins Publikum gerichtete Verbalattacken. Systemkritik ist selbstverständlich komplizierter als Personenkritik. Daher ist das unterhaltende Spiel mit den Figuren, die ich an so einem Kabarettabend einsetze, besonders wichtig. Es soll ja auch Spaß machen.

Möchten Sie mit Kabarett etwas bewirken oder sehen Sie es als Unterhaltung für die spezielle Zielgruppe der Kabarettbesucher?

Freitag: Das ist mit Sicherheit auch Unterhaltung für eine gewisse Zielgruppe, aber der Motor ist von mir aus noch ein anderer. Unsere Demokratie muss jeden Tag neu verteidigt werden und sie lebt vom mitmachen. Vom sich einmischen. Ich glaube, das ist der Motor, weshalb ich Kabarett mache, damit die Leute als Konsumenten sich darüber Gedanken machen, was sie da eigentlich leben. Mir ist es jedenfalls nicht wurscht, in welcher Gesellschaft ich leben will.

Haben Sie privat die Hoffnung, dass sich etwas ändert?

Freitag: Es ist ein ewiger Kampf. Uns geht es ja noch relativ gut hier in Deutschland. Aber wir sind keine Insel der Seligen. Ich will nicht die Augen verschließen vor den Zusammenhängen, zum Beispiel, dass wir der drittgrößte Waffenexporteur der Welt sind. Ich finde es für ein Volk auch zunehmend öde, sich nur über den Autoexport zu definieren. Mehr Haltung bitte! Geld in die Bildung zu pumpen ist das eine. Haltung das andere. Wir Deutschen haben einen fatalen Hang, uns freikaufen zu wollen von allem. Ein so reiches Land wie Deutschland, in dem täglich Bibliotheken geschlossen werden, weil die sich angeblich nicht rechnen, braucht „kaltwütige Schüttlöffels“. Ich spiele in meinem Programm so, dass Herz und Hirn in Wallung gerät.

Sie sind nicht mehr ganz so viel in den Medien — War das eine bewusste Entscheidung?

Freitag: Das hängt sicher damit zusammen, dass meine aktuellen Programme ein Gesamtkonzept haben. Sie sind im Grunde eher wie ein satirisches Kammerspiel. Das muss man im Bogen sehen. Das war bei meinem vergangenen Programm „Die Angst der Hasen“ auch so, wo es um das Thema Islam ging. Da ist der Bogen wichtig, den so ein Programm nimmt. Und da kann man nicht mal kurz die Kamera draufhalten und viele Schnitte machen. Es ist ein bisschen wie Theater. Das lässt sich ja auch schwer als Video-Clip vermarkten. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Parodie in meinen Programmen mangels Masse nicht mehr so einen Stellenwert hat, wie früher. Aber ich versichere Ihnen, dass die ganz normalen, alltäglich Menschenfiguren, die ich spiele, auch einen hohen Unterhaltungswert haben.

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