Nörvenich: Julieta Narvaez-Treu: Zur Spurensuche aus Texas nach Nörvenich

Nörvenich: Julieta Narvaez-Treu: Zur Spurensuche aus Texas nach Nörvenich

Für Julieta Narvaez-Treu ist es ein ziemlich emotionaler Moment. Die Frau mit den dunklen Haaren steht in Nörvenich vor einem Denkmal, das an die jüdischen Mitbürger der Neffeltalgemeinde erinnert und liest den Namen ihres Großvaters und ihrer Großmutter, den ihrer Mutter und ihrer Tante.

Josef, Paula, Eva und Rosa Ruth Treu waren vier der insgesamt zehn jüdischen Menschen, die in den 30er Jahren in Nörvenich gelebt haben. Julieta Narvaez-Treu lebt heute mit ihrer Familie in Texas. Gemeinsam mit ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrer Cousine ist sie nach Nörvenich gekommen, um die Wurzeln ihrer Familie, ihre eigenen Wurzeln, zu erforschen.

Ein Kolonialwarenladen

Julieta Narvaez-Treu hat Kontakt zum Geschichts- und Heimatverein der Gemeinde Nörvenich aufgenommen, der sich seit einigen Jahren auch intensiv mit dem Schicksal der Juden von Nörvenich auseinandersetzt. „Es gab nicht viele Juden in Nörvenich“, sagt Herbert Pelzer, stellvertretender Vorsitzender des Geschichtsvereins und Autor des Buches „Moritz, Martha und die Anderen. Als das Neffeltal judenfrei wurde“. „Aber trotzdem ist hier in Nörvenich mit den Juden genau das passiert, was überall passiert ist.“

Julieta Narvaez-Treus Großvater hatte in Nörvenich einen Kolonialwarenladen, er stammte aus Drove, wo seine Eltern wiederum eine Metzgerei hatten. Zwischen dem Sommer 1941 und dem Frühjahr 1942 ist die Familie nach Mexiko geflohen. Außer Josef Treus Ehefrau haben alle die lange, strapaziöse Flucht überlebt.

„Meine Mutter hat immer voller Liebe von Nörvenich erzählt“, sagt Julieta Narvaez-Treu. „Aber sie hatte nur wenige Erinnerungen, weil sie bei der Flucht noch ein kleines Mädchen war.“ Erzählt habe ihre Mutter von der schönen Landschaft in Nörvenich und von dem kleinen Wald direkt an ihrem Haus. Julieta Narvaez-Treu: „Sehr gerne hat sie berichtet, wie sie im Winter im Schnee mit ihren Freundinnen Schlitten gefahren ist.“ Vor zwei Jahren, so die Texanerin weiter, sei die Mutter gestorben. „Sie ist noch einmal in Nörvenich gewesen“, erzählt Julieta Narvaez-Treu. „Und ich hatte auch das Bedürfnis, einmal in die Heimat meiner Mutter und meiner Großmutter zu kommen. Auch, weil meine Mutter so eine unglaublich kultivierte Frau war, die an ihrer Heimat so gehangen hat.“ Sie sei ohne Groll nach Deutschland gekommen. „Es ist 72 Jahre her, dass meine Familie fliehen musste. Ich möchte einfach viel mehr über meine Verwandten wissen.“ „Wir tragen Informationen zusammen“, ergänzt Herbert Pelzer. „Wir berichten Frau Narvaez-Treu, was wir über ihre Familie und deren Zeit in Nörvenich wissen und umgekehrt.“

So haben die Mitglieder des Geschichtsvereins erfahren, dass Josef Treus Ehefrau auf der Flucht von Nationalsozialisten aufgegriffen worden sein soll. Herbert Pelzer: „Wir haben uns bisher immer gefragt, was mit ihr passiert ist.“ Julieta Narvaez-Treu, die in der 600.000-Einwohner-Stadt El Paso lebt, ist noch bis Ende der Woche in Nörvenich zu Gast. Sie hat die Zülpicher Straße besucht, wo ihr Großvater seinen Laden hatte, und den Friedhof in Lüxheim, auf dem damals alle jüdischen Bürger beerdigt worden sind.

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