Interview mit dem Birkesdorfer Handball-Europameister

Interview mit dem Handball-Europameister : Birkesdorfer Simon Ernst über die Chancen der Deutschen

Es ist hart. Vor drei Jahren ist Simon Ernst (24) mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft Europameister geworden, im Augenblick kuriert er immer noch seine schwere Knieverletzung aus und kann bei der Heim-WM nicht dabei sein. Im Gespräch mit Sandra Kinkel spricht er über die Chancen der Deutschen und seine Comeback-Pläne.

Wo haben Sie den Handball-Krimi Deutschland gegen Kroatien geschaut, bei dem die deutsche Mannschaft den Einzug ins Halbfinale klar gemacht hat?

Simon Ernst: Zu Hause. Ich bin im Augenblick in Berlin. Einige der Vorrundenspiele habe ich in der Berliner Mercedes-Benz-Arena geguckt.

Sie haben sich im März vergangenen Jahres zum zweiten Mal das vordere Kreuzband im rechten Knie gerissen und sind zwei Mal wegen der Verletzung operiert worden. Mit welchem Gefühl gucken Sie die Spiele der Nationalmannschaft?

Ernst: Natürlich ist es hart, die WM zu gucken. Das ist doch keine Frage, und das kann sicher auch jeder nachvollziehen. Ich hätte vielleicht die Chance gehabt, dabei zu sein. Und eine Weltmeisterschaft im eigenen Land als Teil der Nationalmannschaft zu erleben, wäre natürlich ein absolutes Highlight für mich gewesen. Jetzt drücke ich aber natürlich allen Spielern ganz fest die Daumen. Ich kenne die Jungs schließlich alle.

Wann können Sie wieder spielen?

Ernst: Das kann ich noch nicht genau sagen. Ich bin derzeit noch im Reha-Training, das heißt ich mache noch kein handballspezifisches Training. Allerdings kann ich schon wieder dynamischere Übungen machen. Ich bin auf einem guten Weg. Ich bin zuversichtlich, dass ich zu Beginn der neuen Saison wieder spielen kann, ob es vorher klappt, kann ich nicht sagen. Ich hoffe das natürlich, aber das hängt wirklich von vielen Kleinigkeiten ab.

Zurück zu WM: Was kann die deutsche Mannschaft erreichen?

Ernst: Alles! Nach dem vorzeitigen Einzug ins Halbfinale schwimmt das Team auf einer riesigen Euphorie-Welle, die noch weiter wachsen wird. Das Selbstvertrauen steigt – und das baut bei den Gegnern und übrigens auch bei den Schiedsrichtern einen enormen Druck auf. Da geht noch sehr viel.

Nach dem frühen Aus bei der Europameisterschaft stand Bundestrainer Christian Prokop sehr in der Kritik. Was ist jetzt anders?

Ernst: Der große Erfolg der Mannschaft macht den Unterschied aus. Wobei ich denke, dass bei der Europameisterschaft viel zu viel schlecht geredet wurde. Auch bei der WM hat es jetzt zwei Unentschieden gegeben. Mein Eindruck, aber das ist wirklich nur ein Eindruck, ist, dass Trainer und Spieler sich viel besser aufeinander einlassen.

Wie ist Ihr Kontakt zur Mannschaft überhaupt – gibt es den oder schreiben Sie manchen Spielern zwischendurch mal eine SMS?

Ernst: Ja, das mache ich, aber grundsätzlich ist man während eines so großen Wettbewerbes schon sehr fokussiert und hat wenig Kontakte nach draußen. Aber während der Vorrundenspiele in Berlin habe ich schon einige Spieler getroffen.

Deutschland trifft heute im Halbfinale auf Norwegen. Ist das eine machbare Aufgabe?

Ernst: Meiner Meinung nach sind die Norweger sehr gefährliche Gegner, besonders wegen ihrer Qualitäten im Tempospiel. Viele Spieler kennen die Jungs aus der Bundesliga, Star der Mannschaft ist aber Sander Sagosen, der bei Paris Saint-Germain spielt, genau wie Uwe Gensheimer. Trotzdem erwarte ich einen Sieg der deutschen Mannschaft, auch aufgrund des Heimvorteils. Der darf auf keinen Fall unterschätzt werden.

Wie schaffen es eigentlich die Handballer innerhalb so kurzer Zeit so viele Spiele zu absolvieren? Für Fußball-Profis wäre das undenkbar.

Ernst: Die deutsche Mannschaft muss bei dieser WM zehn Spiele in 17 Tagen absolvieren. Das können die Spieler, weil sie es müssen. Ob das langfristig gesund ist, darüber kann man streiten. Grundsätzlich ist es aber so, dass Handballer einfach härter im Nehmen sind als Fußballer. Das ist einfach eine Tatsache, und das sage ich völlig ohne Spitze.

Glauben Sie, dass die Handball-Euphorie, die die WM verursacht, nachhaltig ist?

Ernst: Das hoffe ich, nicht zuletzt für meinen Heimatverein, den Birkesdorfer Turnverein. Es wird grundsätzlich immer schwieriger für Vereine, und das nicht nur für Sportvereine, Kinder und Jugendliche längerfristig zu binden. Ich hoffe sehr, dass sich nach der WM viele Kinder und Jugendliche zum Handballtraining anmelden. Das wäre einer der größten Erfolge der WM im eigenen Land.

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