Düren - Interview: „Die Frauen machen sich den Druck selber“

Weltmeisterschaft Weltmeister WM Pokal Russland Fifa DFB Nationalmannschaft

Interview: „Die Frauen machen sich den Druck selber“

Letzte Aktualisierung:
16388635.jpg
Andrea Kenter, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Düren.

Düren. Der neue Gleichstellungsplan der Kreisverwaltung, der Maßnahmen zur Förderung von Gleichstellung und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie enthält, wird in diesem Monat verabschiedet.

Anlässlich dessen – und des Internationalen Frauentages – spricht die Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Andrea Kenter, mit unserer Redakteurin Anne Welkener darüber, wie Frauen sich manchmal selbst im Weg stehen, welche Entwicklungen es jüngst gab und was sie von einer geschlechtergerechten Umformulierung der Nationalhymne hält.

Eine Verständnisfrage vorweg: Wieso tritt der Gleichstellungsplan für die Jahre 2016 bis 2018 erst am 22. März 2018 in Kraft?

Andrea Kenter: Eigentlich sollte er schon raus sein. Es dauert immer, bis die Daten aus der Personalverwaltung da sind, und dann gab es gleichzeitig eine Änderung des Landesgleichstellungsgesetzes. Erst hieß es, bei gleicher Eignung sollen Frauen bevorzugt werden, das wurde aber wieder rückgängig gemacht. Da war Vieles im Umbruch.

Trotzdem enthält der Gleichstellungsplan Prognosen und Zielvorgaben für 2018.

Kenter: Die gelten auch für die nächsten Jahre. Die Problemstellungen bleiben ja die gleichen, daran hat sich leider nichts geändert.

An welche Problemstellungen denken Sie da konkret?

Kenter: Die Quote der Frauen in Führungspositionen zum Beispiel. Wir haben so viele Maßnahmen, und trotzdem erreichen wir da unsere Ziele nicht. Es gibt in der Kreisverwaltung Kinderbetreuung, Ferienbetreuung, die Schulen haben Offenen Ganztag und Ferienbetreuung an, wir bieten flexible Arbeitszeiten mit allen möglichen Stundenmodellen und Telearbeit an. Aber trotzdem fehlt der kleine Schubs, damit Frauen sich für Führungspositionen bewerben.

Das heißt, Sie sehen dabei den Ball im Feld der Frauen?

Kenter: Ja, aus meiner Sicht schon. Das ist ein Denkmuster, bei dem wir ansetzen müssen: Frauen wollen alles perfekt können, was sie für eine neue Stelle brauchen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer sich da nicht so viele Gedanken machen, sondern sich einfach bewerben. Außerdem haben Frauen oft das Gefühl, dass sie mehr Verantwortung für Familie und Haushalt tragen. Sie denken oft: „An mir bleibt alles hängen“, dabei bringen sich die jungen Männer viel mehr ein. Da muss der Denkprozess weitergehen – bei allen Beteiligten.

Was können Frauen tun?

Kenter: Die Frauen machen sich den Druck selber. Man muss sich vom Perfektionismus verabschieden – privat wie beruflich. Ich möchte die Frauen bestärken und ihnen Mut zusprechen: „Traut euch doch, den nächsten Schritt zu machen.“ Dazu möchte ich auch gern eine Fortbildung für Frauen anbieten: „Mut zur Führung“. Und auch das Netzwerken wird von vielen Frauen unterschätzt und deshalb vernachlässigt, das klappt bei den Männern automatisch.

Der neue Gleichstellungsplan ist der sechste seiner Art, Sie sind erst seit zweieinhalb Jahren Gleichstellungsbeauftragte. Können Sie trotzdem beurteilen, was sich vom ersten bis zu diesem Plan geändert hat?

Kenter: Zu der Zeit wurden die ganzen Maßnahmen, die wir jetzt haben, geplant. Da war Teilzeit noch Fortschritt – das ist es heute nicht mehr. Was sich auch geändert hat, ist zum Beispiel, dass die meisten Mütter ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes schon wiederkommen. Das alte Muster, drei Jahre zu Hause zu bleiben, ist ein Auslaufmodell. Ich rate den Frauen: Entscheidet nach eurem Bauchgefühl. Man darf sich da kein schlechtes Gewissen machen lassen. Frauen, die früher wiederkommen, müssen sich nicht einreden lassen, sie seien Rabenmütter, und wer länger zu Hause bleibt, ist nicht „nur“ eine Hausfrau.

Was ist Ihnen an dem Plan besonders wichtig?

Kenter: Viele wissen gar nicht, dass der Frauenanteil in der Kreisverwaltung extrem hoch ist. Am Stichtag 21. Dezember 2015 lag er bei 62 Prozent. Das ist auch bei den Azubis so – die Mädchen haben bessere Noten und setzen sich im Auswahlverfahren durch. Da wollen wir wieder ein Gleichgewicht finden. Wir müssen also auf Parität achten, auch wenn die männlichen Bewerber mal schlechter sind. Ein anderer Aspekt: In der unteren Führungsebene sind die Frauen gut vertreten, aber den nächsten oder übernächsten Schritt schaffen sie noch nicht so gut. Dabei habe ich besonders die Frauen ab 40 Jahren im Blick. Die haben in der Regel keine kleinen Kinder mehr und bis zur Rente noch einige Jahre vor sich. Da sind besonders die Führungskräfte gefragt, potenzielle Kandidatinnen gezielt anzusprechen. Bei der paritätischen Besetzung von Führungspositionen gibt mir die Bundesregierung ja die Steilvorlage. Dass die Hälfte der Ministerien von Frauen, die andere von Männern geführt werden soll, ist ein Musterbeispiel.

Sie sprechen viel von Frauen, sind aber auch eine Interessenvertreterin der Männer, oder?

Kenter: Es heißt „Gleichstellungsplan“, nicht wie früher „Frauenförderplan“. Der Beratungsanteil der Männer steigt auch; gerade junge Väter kommen zur Beratung, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Ich werde nicht müde zu sagen, dass ich für beide Geschlechter da bin, aber die Benachteiligung der Frauen ist eben noch etwas größer.

Stichwort Teilzeit: Wird das Angebot oft in Anspruch genommen?

Kenter: Ende 2015 hatten wir 281 Mitarbeiterinnen und zwölf Mitarbeiter in Teilzeit. Die Quote ist insgesamt zurückgegangen. Man könnte meinen, das sei schlecht, aber eigentlich ist das ein gutes Zeichen. Mit Blick auf die Rente ist es besser, wenn nach der Teilzeit für die Kinderbetreuung auch wieder auf 100 Prozent aufgestockt wird. Deshalb fände ich es gut, wenn die Quote weiter runtergeht.

Nun steht aber nicht nur der Gleichstellungsplan in den Startlöchern, sondern am Donnerstag ist auch der Weltfrauentag. Mittwoch hat die Stadt Düren und Donnerstag der Kreis jeweils zu einem Kabarettabend eingeladen. Da gibt es vermutlich ein wenig Nachdenkliches, aber auch viel Amüsantes. Sollte Ihrer Meinung nach der Frauentag politischer werden?

Kenter: Ich möchte eigentlich an diesem Tag nicht zu politisch werden. Die Leute sind schon gut informiert über das, was kritisch läuft – gerade mit den aktuellen Debatten. Da will ich sie nicht zusätzlich überladen.

Eine der aktuellen Debatten kam am Wochenende auf. Die Gleichstellungsbeauftragte im Familienministerium, Kristin Rose-Möhring, hat gefordert, die Nationalhymne geschlechtergerecht umzuformulieren: Statt „Vaterland“ sollte dann „Heimatland“ gesungen werden und „couragiert“ könne „brüderlich“ ersetzen. Was denken Sie?

Kenter: Ich sage immer: Gleichstellung – ja, aber nicht mit der Brechstange. Die Nationalhymne wurde vor mehr als 100 Jahren geschrieben. Da war noch nichts mit Gleichstellung. Wenn die Wörter eins zu eins ersetzt werden könnten und der Klang gleich bliebe, wäre es vielleicht möglich, aber ich will nicht, dass es erzwungen wird. Die Hymne als Kulturgut ist wichtig.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.


Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert