Düren: Interview: Den Sinn des Lebens immer wieder finden

Düren : Interview: Den Sinn des Lebens immer wieder finden

Tod und Auferstehung — gerade an Ostern beschäftigen sich Christen mit recht schwierigen Glaubensfragen.

Im Interview unterhalten sich der katholische Pfarrer Hans-Otto von Danwitz (58) und Niklas Faupel (31), Lehrer für Philosophie und Mathematik sowie erklärter Atheist, über das Leben nach dem Tod, Grundvertrauen, Wunder und diskutieren, warum es wichtig ist, seinem Leben einen Sinn zu geben.

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Was ist der größte Unterschied zwischen einem Philosophen und einem katholischen Priester?

Im Gespräch: Philosophielehrer Niklas Faupel und Pfarrer Hans-Otto von Danwitz (v.l.). Foto: kin

von Danwitz: Ich glaube, so groß ist der Unterschied gar nicht. Ich habe zu Beginn meines Studiums auch zwei Jahre Philosophie studiert. Die Auseinandersetzung mit dem Leben gehört zu meinem Beruf ganz wesentlich dazu. Die Theologie, der Glaube und die Religionslehre kommen später dazu. Sie entwickeln die Denkweise der Philosophie weiter. Faupel: In der Philosophie gibt es keinen Punkt, an dem man einfach irgendetwas glauben muss. Der Glaube als Phänomen kann allerdings Gegenstand philosophischer Untersuchungen sein.

Herr Faupel, Sie sind nicht religiös gebunden. Wie kommt das?

Faupel: Meine Eltern stammen beide aus einem christlichen Elternhaus, deshalb war eine christliche Grundprägung in meiner Kindheit vorhanden. Aber daraus hat sich nie der Glaube an etwas Göttliches herausgebildet. von Danwitz: Das war bei mir genau anders. Kirche und Glauben waren völlig normal und Teil des täglichen Lebens. Natürlich habe ich auch als Jugendlicher angefangen, das zu hinterfragen. Ich war aber Teil einer Clique von Jugendlichen, denen der Glaube im positiven Sinne immer ein wichtiges Anliegen war. Und so haben wir die glaubenskritischen Jahre gut überstanden.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

von Danwitz: Ja. Faupel: Nein. Wir wissen nicht, was nach unserem Tod ist. Für mich haben Vorstellungen vom Jenseits überhaupt keine Relevanz.

Ist es leichter, wenn man davon überzeugt ist, nach dem Tod aufzuerstehen, weil das eigene Ende dann weniger bedrohlich ist?

Faupel: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Der Glaube an Auferstehung und Erlösung kann Kraft und Trost spenden. Auf der anderen Seite kann der Glaube an Fegefeuer und Bestrafung aber auch ein riesiger Rucksack sein, der bremst und Probleme macht. von Danwitz: Dinge wie Fegefeuer, Bestrafung und Punkte sammeln für ein Leben im Himmel sind für mich absoluter Quatsch. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich nach dem Tod mit offenen Armen empfangen werde, und die Grenzen, die wir heute manchmal spüren, nicht mehr existieren. Ich glaube, dass wir im Himmel in Frieden, Toleranz und Gemeinschaft leben können.

Woher kommt diese Überzeugung?

von Danwitz: Anhaltspunkte dafür finde ich in der Bibel. Jesus spricht vom Himmel als „Haus mit vielen Wohnungen“, das ist für mich ein sehr schönes Bild. Ein Bild von gelebter Toleranz, das hoffentlich schon hier auf Erden anfängt. Insofern hat mein Glaube an den Himmel auch Auswirkungen auf mein Leben heute. Faupel: Das ist ein wichtiger Punkt: Auch wenn man glaubt, dass nach dem Tod etwas kommt, entbindet das einen nicht von der Pflicht, sein Hier und Jetzt zu gestalten. von Danwitz: Vielleicht bin ich ja auch ein wenig naiv, aber ich kann sagen, dass ich mich auf den Tod freue. Ich habe ein Grundvertrauen, dass danach alles gut ist. Meine Mutter ist gestorben, als ich ein Jahr alt war. Danach habe ich immer den Satz gehört: „Die Mama ist im Himmel.“ Ich bin davon überzeugt, dass ich sie irgendwann wiedertreffen werde, auch wenn ich mich natürlich frage, wie das gehen wird, bei so vielen Millionen Menschen, die schon im Himmel sind. Faupel: Da kann ich als Mathematiker helfen. Da sind nicht nur unendlich viele Leute. Sie haben dort auch unendlich viel Zeit, Ihre Mutter zu finden.

Ich finde es interessant, dass Sie sich fragen, wie Sie Ihre Mutter in einer Menschenmasse finden sollen und nicht, wie es überhaupt gehen soll, in den Himmel zu kommen.

von Danwitz: Weil ich fest daran glaube, dass wir nach dem Tod als Person mit unseren Einzigartigkeiten weiterleben. Nehmen Sie die Emmaus-Geschichte: Zwei Jünger sind unterwegs, trauern um Jesus und sprechen über ihn. Später brechen sie das Brot, so wie sie es immer mit ihm getan haben, und haben das Gefühl, dass er bei ihnen ist. Das ist das, was jede Familie, die einen Menschen verloren hat, auch tut: Sie erinnern sich an den Verstorbenen, halten Traditionen aufrecht. Faupel: Mit dieser Idee von Weiterleben kann ich auch etwas anfangen. Ich glaube, dass es für Hinterbliebene nicht wichtig ist, ob der Verstorbene irgendwo weiterlebt oder nicht. Für sie ist es entscheidend, Erinnerungen zu pflegen und Rituale, die sie mit dem Verstorbenen verbinden, wachzuhalten. Auch deswegen, weil der Verstorbene natürlich eine Prägung für seine Nachkommen und gewisse Wertevorstellungen hinterlässt. Das ist völlig unabhängig vom religiösen Kontext.

Tod, Auferstehung, aber auch der Gang übers Wasser und diverse Wunderheilungen — Herr Pastor, fällt es Ihnen manchmal schwer, daran zu glauben?

von Danwitz: Wunder sind für mich die persönliche Deutung eines Erlebnisses. Ich habe Schwierigkeiten damit, wenn Ärzte ein Wunder wissenschaftlich bewiesen haben wollen. Für mich sind die Wundergeschichten der Bibel nie wörtlich zu nehmen. Sie sind eine persönliche Deutung von Lebenserfahrung und helfen, das Leben besser zu verstehen. Faupel: Für mich stehen in der Bibel keine Wahrheiten. Die Geschichten sind niemals wörtlich zu verstehen. Eine wörtliche Auslegung der Bibel sehe ich sehr kritisch. Um komplexe und schwierige Sachverhalte zu verstehen, kann eine bildhafte Sprache aber sehr hilfreich sein.

Herr Faupel, denken Sie, dass gläubige Menschen es leichter haben, weil sie nicht immer das Gefühl haben, alles beweisen zu müssen?

Faupel: Diese Frage stellt sich nicht, weil das keine Entscheidung ist, die man selbst getroffen hat. Man kann nicht plötzlich sagen: „So, jetzt glaube ich.“ Ich weiß auch nicht, ob es wirklich einfacher ist, wenn man als glaubender Mensch schwierige Fragen abstellen kann, weil das ja auch nicht wirklich zufriedenstellend ist. Nehmen Sie nur die Auferstehung: Auch wenn man daran glaubt, weiß man noch immer nicht, was einen nach dem Tod erwartet. Ich denke, der Drang, Dinge wissen zu wollen, hört mit dem Glauben nicht auf. von Danwitz: Genau. Glaube und Wissen dürfen kein Widerspruch sein. Glaube ist kein Ersatz für Wissen. Der Glaube macht das Leben reicher, weil er mir hilft, mein Wissen persönlich zu deuten. Faupel: Ich kann mir vorstellen, dass gläubige Menschen leichter in eine Art Komfortzone geraten, weil die Verlockung groß ist, den Sinn für das eigene Leben von der Kirche zu bekommen. Ich muss mir die Frage, welchen Sinn ich meinem Leben geben möchte, immer wieder neu stellen und beantworten.

Herr Faupel, Religion spielt in Ihrem Leben keine Rolle. Was bedeuten Ihnen Feiertage wie Ostern?

Faupel: Feiertage, seien sie religiös, gesetzlich oder naturgegeben, sind wichtig, um Ruhephasen für den Alltag zu schaffen. Wir leben in einer Welt mit einer extrem hohen Taktung. Deswegen ist es wichtig, dass es Jahresrhythmen gibt, die die Hektik unseres Alltags in überschaubare Einheiten unterteilen. Dafür sind Feiertage hilfreich, die es ja im Übrigen auch schon lange vor der Christianisierung gegeben hat.

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