in Kreuzau mimt eine Frau den St. Martin

In Kreuzau mimt eine Frau den St. Martin : Laternen, Lieder und leuchtende Augen

Angie Mummhardt war 12 oder 13 Jahre alt, als sie zum ersten Mal in die Rolle des Heiligen Martin schlüpfte. Damals besuchte sie mit ihrem kleinen schwarzen Pony die Kinder im Kreuzauer Kindergarten.

Ein älteres Kinderfoto zeigt, wie sie Ende der 70er Jahre als Kindergartenkind vor St. Martin auf seinem Schimmel posiert. Jetzt schlüpft sie selbst in seine Rolle.

„Wahrscheinlich entstand schon da meine Liebe zu Schimmeln und St. Martin“, sagt sie heute. Die Geschichte des römischen Soldaten, der seinen Mantel vor den Stadttoren der französischen Stadt Amiens mit einem Bettler teilte, hat sie von Anfang an berührt. „Die Botschaft des Martinsfestes ist eine sehr schöne, und jeder kann sie ein bisschen leben“, sagt Angie Mummhardt. Und so blieb die Kreuzauerin dem St. Martin treu. Viele Jahre führte sie das Pferd des Kreuzauer St. Martins Josef Dohmen, in Üdingen hat die Reitlehrerin schon vor 15 Jahren ihr Pferd für den Zug gesattelt.

Vor elf Jahren wurde sie selbst der Kreuzauer St. Martin. Sie hat sich ein Kettenhemd angeschafft, einen roten Mantel nähen lassen und einen Metallhelm gekauft. Vier Dörfer und ein Kindergarten haben sie in diesem Jahr zwischen dem 6. und dem 16. November als St. Martin „engagiert“.

Der Fackelzug, der Gesang der Kinder, das Martinsfeuer, die Feier in der Messe – „Ich liebe diese Momente und die Blicke in die Kinderaugen“, sagt Angie Mummhardt. Stella – ihr Schimmel – wird ihr nach zwei Jahren Pause dieses Mal wieder treue Dienste leisten und der Laternenschar voranschreiten. „Die Kinder dürfen Stella auch streicheln, das ist für viele auch ein ganz besonders Erlebnis“, sagt Angie Mummhardt. In manchen Dörfern teilt sie als St. Martin auch die Wecken aus – aber nur einmal hat ein Junge sie darauf angesprochen, dass sie nicht Sankt Martin sein könne, weil sie eine Frau sei. Für die Botschaft des Festes sei das Geschlecht ohnehin egal. Aber nicht jedes Kind ist mit der Geschichte des späteren Bischofs von Tours vertraut: „In der Andacht in der Kirche hat der Pastor einmal gefragt, mit wem Martin seinen Mantel geteilt hat. Ein Kind hat darauf geantwortet: ‚Mit einem dreckigen Asylanten’“ – Angie Mummhardt erinnert sich noch gut an die Stille im Raum, die Verlegenheit. Und die Aussage hat gezeigt, dass die Botschaft des Teilens und der Nächstenliebe vielleicht aktueller ist denn je.

St. Martin Angie Mummhardt mit ihrem Martinspferd Stella. Foto: ZVA/Sarah Maria Berners

Stella – das Martinspferd – ist schon viele Jahre im Einsatz, da Angie Mummhardt auf Stella auch bei Stunt-Shows und Ritterturnieren reitet, ist das Pferd gut trainiert. „Pferde sind Fluchttiere, auf die laute Musik und das Feuer müssen sie gut vorbereitet werden“, betont Mummhardt, die schon den Hengst Lino als Nachfolger für die alte Stute Stella unter ihre Fittiche genommen hat. Denn wenn es nach ihr geht, will sie noch lange den Heiligen Martin mimen. Zu vielen Zügen reitet sie bei gutem Wetter schon kostümiert hin – wer also zwischen dem Reitstall in Nideggen-Berg und Rath oder Üdingen in der Dämmerung eine Person im Kettenhemd und rotem Umhang auf einem Pferd antrifft, braucht sich nicht zu wundern. Nur den Helm setzt St. Martin wegen des hohen Gewichtes erst vor Ort auf, allein das Kettenhemd wiegt schon zwölf Kilogramm.

Als leidenschaftliche Reiterin braucht Angie Mummhardt niemanden, der das Pferd führt, der Soldat reitet eigenständig. Ein paar Schülerinnen begleiten das Duo aber dennoch, um im Zweifelsfall eingreifen zu können, vor allem aber, damit die Kinder sich nicht von hinten an das Pferd heranwagen können. Und wenn die Kinder mit ihren Laternen und Wecken nach Hause gehen, reitet auch St. Martin fort. Mit den Klängen der Martinslieder im Ohr.

St. Martin Angie Mummhardt. Foto: Mummhardt
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