Düren: In der Flüchtlingsunterkunft Gürzenich leben 475 Menschen

Düren : In der Flüchtlingsunterkunft Gürzenich leben 475 Menschen

Ziemlich genau drei Jahre ist es her, dass am 21. September 2015 die ersten 250 Flüchtlinge auf dem Gelände des ehemaligen Munitionsdepots in Gürzenich eine neue Heimat gefunden haben. Heute leben 475 Asylbewerber hier.

Welche Flüchtlinge kommen nach Gürzenich? Wie klappt das Zusammenleben? Fragen und Antworten.

In der Flüchtlingsunterkunft in Gürzenich leben derzeit 475 Menschen. Es gibt eine Kantine, eine Kleiderkammer und eine Kinderstube, in der jedes Kind eine eigene Zahnbürste hat. Werner Lüttgen und Jan-Philipp Düppengießer (kleines Foto unten links von links) leiten die Einrichtung. Foto: Sandra Kinkel

Warum ist in Gürzenich so eine große Flüchtlingseinrichtung entstanden?

BU.

Vor drei Jahren hatte die Bezirksregierung Köln den Kreis Düren gebeten, eine Notunterkunft (NU) für Flüchtlinge zu schaffen. Mittlerweile gibt es im Regierungsbezirk Köln nur noch acht Erstaufnahmeeinrichtungen, die Unterbringung in Gürzenich ist eine sogenannte „Zentrale Unterbringungseinrichtung“ (ZUE).

In der Flüchtlingsunterkunft in Gürzenich leben derzeit 475 Menschen. Es gibt eine Kantine, eine Kleiderkammer und eine Kinderstube, in der jedes Kind eine eigene Zahnbürste hat. Werner Lüttgen und Jan-Philipp Düppengießer (kleines Foto unten links von links) leiten die Einrichtung. Foto: Sandra Kinkel

Wie viele Flüchtlinge leben auf dem ehemaligen Militärgelände?

Von den 800 möglichen Plätzen sind derzeit 475 belegt. 200 davon sind Alleinreisende, rund 150 weitere Kinder. Menschen aus 34 Nationen leben in Gürzenich. Die meisten kommen aus der Türkei, Syrien, Nigeria, dem Iran, dem Irak, Aserbaidschan, Ägypten Guinea und Afghanistan.

Wer wird in der ZUE Gürzenich untergebracht?

Die Flüchtlinge, die in Gürzenich ankommen, sind schon in der Landeserstaufnahme in Bochum und einer der acht Erstaufnahmeeinrichtungen der Bezirksregierung gewesen. Dort wurden sie erkennungsdienstlich behandelt und ihr Asylverfahren wurde eingeleitet. Im Schnitt dauert es zwischen drei und sechs Monaten, bis die Asylbewerber aus der ZUE einer Kommune zugewiesen werden. Dann können sie die große Flüchtlingsunterkunft verlassen. Etwa ein Viertel aller Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, kommen nach Nordrhein-Westfalen.

Wie erfolgt die Unterbringung?

In der ZUE wohnen bis zu acht Personen in einem Zimmer. Die Verantwortlichen bemühen sich, möglichst Leute gleicher Nationalität zusammen unterzubringen. Es gibt darüber hinaus unter anderem eine Sanitätsstation, wo Allgemeinmediziner und Kinderärzte regelmäßig eine Sprechstunde anbieten, eine große Kantine, zwei Gebetsräume und eine Turnhalle.

Wer betreut die Menschen?

Leiter der Einrichtung ist Werner Lüttgen von der Bezirksregierung in Köln. Die Betreuung der Flüchtlinge hat von Anfang an der Malteser Hilfsdienst übernommen. Stellvertretender Betreuungsleiter ist Jan-Philipp Düppengießer. In der ZUE arbeiten vier Mitarbeiter der Bezirksregierung, 80 des Malteser Hilfsdienstes, dazu noch Sicherheits- und Reinigungskräfte sowie Leute, die in der Kantine für die Verpflegung der Asylbewerber sorgen.

Wie viel Geld haben die Flüchtlinge zur Verfügung?

„Die Asylbewerber in der ZUE“, sagt Felia Hörr, zuständige Dezernatsleiterin bei der Bezirksregierung, „bekommen ein wöchentliches Taschegeld. Erwachsene bekommen rund 30 Euro, Kinder rund 15.“ Darüber hinaus haben die Bewohner die Möglichkeit, für 0,80 Euro die Stunde gemeinnützige Arbeit in der Unterkunft zu übernehmen — zum Beispiel in der Pflege der Anlage oder im Nähraum.

Welche Angebote gibt es darüber hinaus?

„Wir versuchen“, erklärt Jan-Philipp Düppengießer, „unseren Bewohnern möglichst viele Angebote zu machen.“ Es gibt diverse Sportkurse, Kochangebote und seit kurzem auch ein Strickprojekt, das sehr gut angenommen wird. Ehrenamtliche Helfer sorgen dafür, dass Sprachkurse angeboten werden. Es werden gemeinsame Kochnachmittage veranstaltet, Feste wie das iranische Neujahrsfest gefeiert und Ausflüge gemacht — zuletzt zum Afrikafest an den Blausteinsee. Jedes Jahr nehmen Bewohner der ZUE am Karnevalsumzug und am Martinszug in Gürzenich teil.

Gehen die Kinder und Jugendlichen zur Schule?

In NRW gibt es für Kinder, die noch in einer ZUE leben, keine Schulpflicht. „Gleichwohl“, sagt Düppengießer, „ist frühstmögliche Bildung sehr wichtig.“ Deswegen gibt es in der ZUE Gürzenich eine Kinderstube, in der die Jungen und Mädchen unter Anleitung lernen und spielen können. Demnächst soll ein Jugendtreff eingerichtet werden.

Wie bewerten die Verantwortlichen die Lage am Gürzenicher Wald? Entsteht dort ein Ghetto?

„Der Standort ist gut“, sagt Felia Hörr. „Das Gelände ist sehr weitläufig. Die Asylbewerber haben die Möglichkeit fernab jeden Trubels zur Ruhe zu kommen.“ In Absprache mit der Dürener Kreisbahn, ergänzt Werner Lüttgen, sei auch die Busanbindung deutlich verbessert worden. Zudem gebe es eine Fahrradstation. Lüttgen: „Ich denke nicht, dass wir von einer Ghettobildung sprechen können. Unsere Bewohner können die Unterkunft jederzeit verlassen und auch Besuch empfangen.“

Gibt es Kontakte nach Gürzenich?

Die gibt es. „Wir kochen mit Bewohnern in einem Raum der Pfarrgemeinde“, erzählt Jan-Philipp Düppengießer. „Es gibt Bewohner, die auf der Tennisanlage von Gürzenich-Wald spielen. Und wir haben ehrenamtliche Helfer, die seit 2015 in unsere Einrichtung kommen, um mit den Flüchtlingen zu arbeiten.

Wie ist die Stimmung in der ZUE?

Durchweg gut, sind Düppengießer und Lüttgen überzeugt. „Hin und wieder kommt es zu kleinen Streitereien“, sagt Düppengießer. „Aber wir versuchen, die so schnell wie möglich zu schlichten.“ Wichtig sei für die Bewohner, möglichst schnell Klarheit über ihr Asylverfahren zu bekommen. „Und das Essen ist auch ein großes Thema, weil die Menschen die Gerichte ihrer Heimatländer schon sehr vermissen.“ Deswegen gibt es in der Kantine der Einrichtung eine Gewürzbar mit Gewürzen aus der ganzen Welt.

Auch die Polizei, die regelmäßig rund um die ZUE Streife fährt, bestätigt, dass die Zahl der Einsätze rund um die Einrichtung zurückgegangen ist. In diesem Jahr hat es bisher 138 Einsätze gegeben, im gesamten Jahr 2017 585. Im Jahr 2016 waren die Beamten 880 Mal vor Ort. Polizeisprecherin Inna Bayer: „Bei den Einsätzen handelt es sich um Körperverletzungen, randalierende Personen, Streitigkeiten und Sachbeschädigungen.“ Den größten Teil der Fall würden Streifenfahrten ohne bestimmten Anlass ausmachen.

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