Hambach: Im Tagebau wird ein Bergwerk ausgegraben

Hambach: Im Tagebau wird ein Bergwerk ausgegraben

Die Biografie von Josef Herkenrath mag im Rheinischen Braunkohlenrevier vielleicht nicht typisch sein, aber sie sagt viel über diese Region aus. Herkenrath ist heute 83 Jahre alt. Bis zum Alter von 25 Jahren hat Herkenrath bei Morschenich Braunkohle abgebaut — unter Tage.

Als die Tiefbaugrube Union 103 im Jahr 1955 geschlossen wurde, wechselte Herkenrath zur Rheinbraun, wo später auch seine drei Söhne arbeiteten. Seine Heimat Etzweiler wurde abgebaggert, Herkenrath siedelte mit seiner Familie nach Kaster um. Am Dienstag nun schloss sich für Herkenrath ein Kreis: Der Ort, wo er unter Tage bis 1955 Braunkohle abgebaut hat, befindet sich inzwischen mitten im Tagebau Hambach und auf Sohle 6 kratzen die Bagger inzwischen an den Stollen des ehemaligen Bergwerks.

Mit dem Voranschreiten des Tagebaus wird auch das elf Kilometer lange Streckennetz der Tiefbaugrube unwiederbringlich beseitigt. Foto: Burkhard Giesen

Für RWE Power ist das gleichsam interessant wie teuer. Dass Braunkohle unter Tage abgebaut wurde, ist eher ungewöhnlich und vielleicht auch damit zu erklären, dass mit dem Baubeginn für die Schachtanlagen 1941 mitten im Krieg der Zwang groß war, Rohstoffe auszubeuten. Dazu kam es erst gar nicht. Und auch nach dem Krieg kam man in Morschenich nicht über das Stadium des Versuchsabbaus hinaus. Die Grube ließ sich nicht wirtschaftlich betreiben.

Heute, knapp sechs Jahrzehnte nach der Stilllegung, macht RWE Power genau das, was sich zunächst absurd anhört: man gräbt mitten im Tagebau ein Bergwerk aus.

„Die Mannschaft im Tagebau stemmt mit dem Rückbauprojekt eine enorme technische Herausforderung, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat“, sagt Tagebauleiter Hans-Joachim Bertram. Gearbeitet wird gleich an zwei Punkten parallel. Während in Morschenich auf der obersten Sohle die beiden Schächte der Tiefbaugrube zurückgebaut werden, wurde im Tagebau auf Sohle 6 jetzt erstmals der Stollen, die so genannte Kohle- und Leerzugstrecke, freigelegt.

Die Dimension dieses Bergwerks wird in Zahlen überdeutlich: Bis zum Jahr 2026, wenn Sohle 6 auch die Schachtanlage bei Morschenich erreicht hat, wird RWE Power rund 50 000 Kubikmeter Beton und Mauerwerk, 10 000 Tonnen Grauguss und Stahl sowie weitere 6000 Kubikmeter Grubenholz entsorgt haben. Das geschieht bis dahin scheibchenweise, damit die Schächte nicht einstürzen und im schlimmsten Fall noch eine Sogwirkung entwickeln. Rund 25 Meter hat man sich hier bisher in die Tiefe vorgearbeitet.

Die ersten Erkundungsbohrungen hatte es bereits im September 2010 gegeben — verbunden mit einer Kamerabefahrung und einer Gasbeprobung. Das Ergebnis von damals hat sich jetzt mit der erstmaligen Freilegung der alten Bergwerksstrecke bestätigt: Der Stahlbogenausbau wurden trotz leichter Absenkungen in einem intakten Zustand vorgefunden. Davon zeigte sich am Dienstag auch Bernd Houben, Leiter der Tagebauplanung Hambach, tief beeindruckt: „Es ist schon erstaunlich, mit welcher Präzision damals gearbeitet wurde.“

Genau für diese Präzision stand damals der heute 83-jährige Josef Herkenrath, der die Tiefbaugrube Union 103 noch wie seine Westentasche kennt. Kein Wunder, er hat dort Braunkohle abgebaut und einmal im Monat die Schachtanlage kontrolliert. Von unten nach oben. Über 300 Meter in einer halben Stunde, kletternd.

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