Kathedrale des Sozialismus: Im Junkerhaus steht die Kalltalgemeinschaft virtuell wieder auf

Kathedrale des Sozialismus : Im Junkerhaus steht die Kalltalgemeinschaft virtuell wieder auf

Die ehemalige Dombaumeisterin und jetzige Vizepräsidentin der NRW-Stiftung, Professorin Dr. Barbara Schock-Werner, war bei dem Meeting im Junkerhaus anlässlich des Projekts „Virtuelle Auferstehung der Kalltalgemeinschaft in Simonskall“ ein gern gesehener Gast.

Denn im Gepäck hatte sie eine schriftliche Zusage der NRW-Stiftung über 20000 Euro. Empfänger war Professorin Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann, Vorsitzende des Vereins „Arbeitskreis zur Erforschung der Moderne im Rheinland“. Dieser Arbeitskreis hat es sich unter dem Titel „Bauhaus 100 im Westen“ die Aufgabe gestellt, in Kooperation mit den beiden NRW-Landschaftsverbänden die Spuren der „Bauhaus-Bewegung“ sichtbar zu machen.

20.000 Euro

Mithilfe der 20.000 Euro soll die Gestaltung einer Internetseite ermöglicht werden, die den Besucher von der Kalltalgemeinschaft erzählt, die nach dem Ersten Weltkrieg von 1919 bis 1921 im Junkerhaus in Simonskall als Künstlerkolonie lebte und arbeitete. Barbara Schock-Werner und Gertrude Cepl-Kaufmann erinnerten die Gäste, die dem virtuellen Transfer der 20.000 Euro beiwohnten, an die Künstler und Intellektuellen, die die Kalltalgemeinschaft ins Leben gerufen hatten.

Die Gründer dieses Siedlungsexperiments in dem kleinen Eifeler Ort an der Kall waren der Publizist Carl Oskar Jatho, seine Frau, die Schriftstellerin Käthe Jatho-Zimmermann, sowie der Graphiker Franz Wilhelm Seiwert. Simonskall, so erzählen es die Annalen, wurde zum Zufluchtsort für linksidealistische Intellektuelle und Künstler, die der Not, dem Hunger und den sich häufenden Repressalien rechter Bewegungen in den Metropolen entfliehen wollten.

Die Künstler gehörten größtenteils zum Kreis der Kölner Progressiven, der von der avantgardistischen Stiltendenz der Zwanzigerjahre dominiert wurde. Namen wie Otto Freundlich, Heinrich Hoerle, Angelika Hoerle, Anton Räderscheidt, Martha Hegemann und viele andere lassen Kunstkenner und -liebhaber heute noch aufhorchen.

Professor Dr. Barbara Schock-Werner nannte eines der Ziele, die mit der Zuwendung erreicht werden soll: „Die Schönheit und Vielfalt des Landes NRW soll am Beispiel der Nordeifel gefördert und sichtbarer werden.“

Professor Gertrude Cepl-Kaufmann charakterisierte die Kalltalgemeinschaft in ihrer Dankesrede als spirituell. Für solche oder ähnliche Gemeinschaften kreierten Beobachter einschlägiger Gazetten Begriffe wie „Kathedrale des Sozialismus“ oder auch „Kathedrale des erotischen Elends“, vermutete der Bürger doch in diesen WGs abartige erotische Rituale, die in einer bürgerlichen Gesellschaft verpönt waren.

Wegen wirtschaftlicher Not wurde das Experiment Kalltalgemeinschaft aufgegeben. Bei einem Rundgang mit Bürgermeister Axel Buch (CDU) erläuterten Kuratorin Dr. Martina Padberg, die Initiatorin Dr. Jasmin Grande und Vertreter der Pixelpark-Agentur, wie das Junkerhaus und seine Rolle von 1919 bis 1921 stärker ins Bewusstsein der Menschen von heute gerückt werden könnte.

Neben dem Gebäude sollen zahlreiche noch vorhandene Werke der Kalltalgemeinschaft ins Bewusstsein gerückt werden. Das Anlegen der Internetseite ist keine abgeschlossene Sache, sondern sie soll interaktiv angelegt werden und erweiterbar sein.

Belohnung

„Die NRW-Stiftung“, betonte Schock-Werner, „will mit dem Zuschuss auch das Engagement des Vereins ‚HöhenArt‘ belohnen“, der durch den Vereinsvorsitzenden Bürgermeister Buch, und seinen Stellvertreter Giordano Pagano vertreten war.

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