Vossenack: Im Franziskus-Kloster in Vossenack eine Heimat gefunden

Vossenack: Im Franziskus-Kloster in Vossenack eine Heimat gefunden

Cissé Saran Klady (29) muss einmal in der Woche nach Jülich, weil er an einem Sprachkurs teilnimmt. Er wohnt in Hürtgenwald. Der junge Mann aus dem afrikanischen Guinea ist einer von sechs Asylbewerbern, die im Franziskanerkloster in Vossenack eine neue Heimat gefunden haben.

Das Kloster liegt außerhalb von Vossenack, und der kleine Ortsteil von Hürtgenwald ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. „Für mich ist das kein Problem“, sagt Klady. „Es fahren ja regelmäßig Busse und Züge. In meiner Heimat war ich auch nicht mitten in einer Stadt. Man muss auch schon einmal ein bisschen laufen.“

Pater Daniel betreut die sechs Flüchtlinge. Foto: S. Kinkel

Die Fernsehbilder der Flüchtlingsströme haben den Franziskanerpater Daniel Züscher bewegt. „Wer, wenn nicht wir Franziskaner, müssen da helfen?“, fragte sich der Leiter des Franziskus-Internats bereits im Mai des vergangenen Jahres und hat im August die ersten Flüchtlinge im Kloster a aufgenommen. „Die Erinnerung daran, dass sich Franziskus im Jahr 1219 mit Sultan Melek al Kamil getroffen hat, um einen Religionsdialog zu starten und die Kreuzzüge zu beenden, ist noch wach“, sagt Pater Daniel. „Wir öffnen Türen. Ganz im Sinne Franz von Assisis“, betont er. Es gäbe Flüchtlinge, die bewusst fragen würden, ob sie im Kloster Zuflucht finden könnten. „Aber es gibt auch welche, denen ist das hier viel zu abgelegen. Und das ist ja auch okay.“

Das Zusammenleben der zehn Franziskanerbrüder mit den Flüchtlingen aus dem Iran, dem Irak, Afghanistan und Afrika klappt hervorragend. Pater Daniel: „Die Flüchtlinge wohnen in ehemaligen Internatsräumen. Jeder hat sein eigenes Zimmer, und die Gemeinde Hürtgenwald ist natürlich auch mit im Boot. Wir besprechen alles miteinander. Wir entscheiden nichts über die Köpfe der Asylbewerber hinweg. Für mich ist das eine Frage der Menschenwürde.“

Klady ist mit einem Boot über Lampedusa nach Deutschland gekommen. „Er hat seine Geschichte in unser Gästebuch geschrieben“, sagt Pater Daniel. „Das zu lesen ist schon sehr ergreifend.“ Cissé Saran Klady ist Muslim. Er ist unter anderem auch deswegen aus seiner Heimat geflohen, weil er wegen seines Glaubens Probleme hatte, seine Mutter und sein Bruder leben immer noch in Afrika. „In Guinea können Katholiken und Muslime nicht in Frieden miteinander leben“, sagt er. „Es gab immer Streit und Auseinandersetzungen. Hier funktioniert das. Ich bin sowieso davon überzeugt, dass wir alle zum gleichen Gott beten.“ Soweit würde Bruder Daniel nicht gehen, aber die unterschiedlichen Religionen der Asylbewerber sind auch für ihn kein Problem. „Ich will den Menschen helfen und sie nicht missionieren“, sagt er. „Cissé Saran Klady und all die anderen Flüchtlinge haben ihre Heimat verlassen, weil sie da aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht mehr leben konnten. Das tut keiner gerne. Wir müssen diesen Menschen das Gefühl geben, dass sie bei uns willkommen sind. Mehr nicht.“ Die Franziskaner versuchen die Asylbewerber im Alltag zu unterstützen, regelmäßig wird auch gemeinsam gekocht und gegessen. „Es gibt keine Vorurteile“, sagt Pater Daniel.

Die Mönche und auch Cissé Saran Klady haben das Gefühl, dass das zumindest in Vossenack auch der Fall ist. „Wir haben aus dem Dorf viel Hilfe angeboten bekommen“, sagt Pater Daniel. „Die Leute wollten uns Möbel und Kleider bringen. Natürlich dürfen wir uns nichts vormachen: Rechtes Gedankengut gibt es vermutlich überall, aber ich habe schon den Eindruck, dass die Vossenacker uns helfen möchten.“

Klady, der in seiner Heimat nach der Schule ein Studium der Wirtschaftswissenschaften begonnen hat, hat nur wenig Kontakt zu Deutschen. „Ich fahre immer nach Düren zum Einkaufen, aber bisher habe ich nur einen deutschen Freund. Ich glaube, dass die Sprache das größte Problem ist. Ich muss unbedingt so schnell wie möglich wirklich gut Deutsch lernen.“

Klady träumt von einer Zukunft in Deutschland, sein Asylverfahren läuft noch. „Wir möchten den Flüchtlingen auch eine dauerhafte Perspektive bieten“, sagt Pater Daniel. „Wenn die Türen einmal geöffnet sind, bleiben sie für immer auf.“ Ein Serbe, der eine Zeit lang im Franziskaner-Kloster gelebt hat, wurde mittlerweile in seine Heimat abgeschoben. „Das war bitter“, so der Pater. „Für alle Beteiligten.“ Der Mönch ist der Überzeugung, dass man in Deutschland endlich aufhören müsse, von Flüchtlingen erster und zweiter Klasse zu sprechen. „Ich sage es noch einmal: Niemand verlässt gerne freiwillig seine Heimat.“

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