75 Jahre Allerseelenschlacht im Hürtgenwald

Die Allerseelenschlacht jährt sich zum 75. Mal : Tausende Tote für wenige Meter Gewinn

Die Spuren, die der Zweite Weltkrieg im Hürtgenwald hinterlassen hat, sind noch heute sichtbar. In den Wäldern der Eifel fand eine der verlustreichsten Auseinandersetzungen dieser Zeit statt: die Allerseelenschlacht. Am 2. November jährt sich ihr Beginn zum 75. Mal.

Der Geschichtsverein erinnert daran unter anderem in einer Gedenkveranstaltung. Der etwa 120 Mitglieder zählende Verein betreut das Museum mit der Ausstellung „Hürtgenwald 1944 und im Frieden“, die Exponate befinden sich in thematisch unterteilten Erinnerungsräumen. Immer noch bringen Menschen Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg, um sie im Museum zu zeigen, wie der Vorsitzende des Vereins, Rainer Valder, berichtet. Nicht alles kann und will man zeigen. Eine Ausstellung, die Ereignisse aus der Nazizeit behandelt, wird immer mit besonderen Augen gesehen. „Wir wollen die Ereignisse nicht kommentieren, sondern sie sprechen für sich“, meint Valder.

Er selbst, Jahrgang 1967, hat bei seinem Vater erlebt, welch tiefe seelische Narben die Kriegsereignisse bei den Menschen hinterlassen haben. „Mein Vater war traumatisiert, noch viele Jahre später habe ich erlebt, wie er gelitten hat“, schildert er. Die Bilder und Gegenstände in der Ausstellung zeigen, warum. Schonungslos. Soldatenhelme mit Einschusslöchern, ein von Einschlägen durchsiebtes Tankstellenschild, aber eben auch Uniformen, Waffen, Soldatenausweise und -abzeichen. Eine Ecke ist Julius Erasmus gewidmet, dem „Totengräber von Vossenack“, der 1569 deutsche Gefallene geborgen und begraben haben soll – unter lebensgefährlichen Umständen.

Der Geschichtsverein Hürtgenwald zeigt in seinem Museum Exponate aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: ZVA/Patrick Nowicki

Eine solche Ausstellung polarisiert. Den Vorwurf, dass man Geschichte verkläre oder militärische Ereignisse verherrliche, nennt Valder jedoch „absurd“. Sämtliche Schilderungen in der Ausstellung seien belegt. Er räumt jedoch durchaus ein, dass es modernere Formen der Darstellung und wissenschaftlich neuere Erkenntnisse gibt. „Man muss dabei allerdings auch bedenken, dass das Museum von etwa 20 ehrenamtlich tätigen Menschen getragen wird“, betont Valder. Etwas mehr als 2000 Euro steuert die Gemeinde Hürtgenwald als Energiekostenbeteiligung für das Museum bei. Veränderungen an der Ausstellung werden mit den Einnahmen aus Eintrittsgeldern, mit Spenden und Zuschüssen bezahlt. Immerhin gelang es vor wenigen Jahren, einen mehrsprachigen Voice-Guide zu installieren.

4500 Besucher jährlich

Die Erinnerung an die Kriegsereignisse aufrecht zu erhalten, ist eines der Kernziele des Geschichtsvereins. Etwa 4500 Besucher zählt die Ausstellung jährlich, die immer sonntags ihre Pforten öffnet. In 2019 dürften es einige mehr werden. Zwischen fünf und zehn Schulklassen melden sich für Führungen im Jahr an. Sondertermine sind möglich. „Es könnten vor allem mehr Schüler sein“, meint Valder. Vieles, was die Ausstellung zeige, sei für junge Menschen unvorstellbar.

Während die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse in der Eifel in vielen Teilen Deutschlands immer mehr vernebelt, nimmt die Schlacht im Hürtgenwald in den USA eine besondere historische Stellung ein. Die Amerikaner sprechen auch von „Hurtgenwald“ (vom englischen Wort „hurt“, was „verletzt“ bedeutet). Andere Bezeichnungen lauten „Todesfabrik“ oder „Höllenwald“. Sie stammen von amerikanischen Soldaten, die dort eine der längsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges überlebt haben. Fünf Monate lang wurde zwischen dichten Bäumen und Büschen um jeden Meter gekämpft, genau wie in vielen Dörfern um Häuser und Straßenzüge. Die Verluste waren hoch, mehr als 60.000 Soldaten beider Seiten starben, wurden verletzt oder kamen in Gefangenschaft.

Einer der Beobachter war der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway, der seine Eindrücke in dem Roman „Über den Fluss und die Wälder“ im Jahr 1950 veröffentlichte. Der Hürtgenwald sei „eine Gegend, in der es äußerst schwierig war, am Leben zu bleiben, selbst wenn man nichts weiter tat, als dort zu sein“, schrieb er. Der Autor lässt einen US-Oberst  sagen: „In Hürtgen gefroren die Toten, und es war so kalt, dass sie mit roten Gesichtern gefroren.“ Dieses Zitat des späteren Literatur-Nobelpreisträgers ist auch im Museum in Vossenack zu lesen und beschreibt, wie sehr sich die Schrecken der Schlacht in sein Gedächtnis gebrannt haben.

Die Allerseelenschlacht in Hürtgenwald jährt sich am 2. November 2019 zum 75. Mal. Der Geschichtsverein Hürtgenwald zeigt in seinem Museum Exponate aus den Kriegswirren und der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Foto: ZVA/Patrick Nowicki

Sie gilt als bis dahin eine der größten Niederlagen der US-Militärgeschichte, auch wenn die US-Truppen im Februar 1945 endgültig den schwer umkämpften Ort Schmidt eroberten und wenig später die Rur überquerten, und der Krieg wenige Monate später endete. Im gesamten Vietnamkrieg ließen 58.000 amerikanische Soldaten ihr Leben, Wie viele es in der etwa fünf Monaten dauernden Schlacht im Hürtgenwald waren, ist nicht historisch belegt. Wissenschaftler schreiben von etwa 12.000 Soldaten. Einige von ihnen sind auf den Kriegsgräberstätten Hürtgen (2997 Tote) und Vossenack (2221) beerdigt. Andere wurden in dem verminten Waldgebiet nie gefunden.

Sämtliche umliegende Dörfer waren zerstört. Hürtgen, Kleinhau, Schmidt und andere Orte waren nur noch als Ruinen in einer verkohlten Landschaft zu erkennen. Auch der Wald erholte sich bis heute nicht vollständig. Als sich im Sommer 1945 die im Boden gebliebenen Kampfmittel im Wald entzündeten, brannte er mehrere Wochen völlig nieder. Verbliebene Minen und Granaten waren es auch, die es den Menschen erschwerten, die Toten aus dem Waldgebiet zu bergen. Viele Menschen kamen dabei zu Tode.

Mitten in diesen schrecklichen Kriegswirren ereignete sich ein Zeichen der Humanität: Der Mediziner und deutsche Truppenarzt Günter Stüttgen schaffte es, Kampfpausen zu arrangieren und sowohl amerikanische, als auch deutsche Verwundete zu behandeln.

Das vom Künstler Robert Nisley geschaffene Gemälde stellt dies dar: „A Time for Healing“ lautet sein Titel. Andere nennen es das „Wunder im Hürtgenwald“. Das Bild wird auch in der Ausstellung in Vossenack gezeigt.

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