Handwerk: Diesel-Fahrverbote und Fachkräftemangel bereiten Sorgen

Das Jahr aus der Sicht des Handwerks : Viele Aufträge, zu wenig Fachkräfte

Wo steht das Handwerk zum Jahresbeginn? Gerd Pelzer und Uwe Günther von der Kreishandwerkerschaft ziehen ein Resümee des Handwerksjahres 2018 und wagen einen Blick in die Zukunft.

Zwei Dinge machen Kreishandwerksmeister Gerd Pelzer mit Blick auf das neue Jahr besonders große Sorgen: der Fachkräftemangel und die drohenden Dieselfahrverbote. „Es gibt in allen Bereichen des Handwerks großen Bedarf an Fachkräften“, sagt Pelzer. „Wir haben sehr gut zu tun, aber es fehlt uns einfach an Personal, um die Aufträge alle zeitnah abarbeiten zu können. Und das macht wiederum unsere Kunden unzufrieden, ist also absolut nicht in unserem Interesse.“

„Gutes Handwerksjahr“

Pelzer spricht von „einem guten Handwerksjahr eigentlich für alle Branchen“. „Vor allem die Baubranche könne auch dank des guten Sommers sehr zufrieden sein. Einzig die Industriezulieferer und das Kfz-Gewerbe hatten mit Schwierigkeiten zu kämpfen.“ Ein deutlicher Rückgang der Exportzahlen, die unsichere Weltwirtschaftslage und der drohende Brexit seien die Schwierigkeiten der Industriezulieferer. Pelzer: „Außerdem leidet die Kfz-Branche unter der Dieseldiskussion und den drohenden Fahrverboten.“

Uwe Günther, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft formuliert das so: „Straßensperren führen zu längeren Wegen. Das verursacht Kosten. Und beispielsweise im Baugewerbe gibt es bestimmte Fahrzeuge gar nicht als Benziner. Wenn die nicht mehr in die Städte fahren dürfen, kann der Handwerker dort nicht mehr arbeiten. Das führt zu einer riesigen Verunsicherung im Handwerk.“ Pelzer wünscht sich vor allem in dem Zusammenhang bessere Rahmenbedingungen von der Politik. „Natürlich ist Umweltschutz ein wichtiges Thema“, sagt er. „Aber wir brauchen eine ausgeglichenere Diskussion, bei der auch die Vernunft eine wichtige Rolle spielt. Es muss auch Beachtung finden, was in Sachen Dieselfahrverbot wirklich zu realisieren ist – vor allem eben auch für Handwerker, die auf ihre Fahrzeuge angewiesen sind.“

Für den Fachkräftemangel sehen die beiden Handwerks-Experten drei Hauptgründe. Günther: „Der demografische Wandel macht auch vor dem Handwerk nicht halt. Es gibt einfach weniger junge Leute. Außerdem befinden wir uns in einem enormen Wettbewerb zur Akademisierung.“ Eltern wollten, erklärt der Geschäftsführer, die beste Schul- und Berufsausbildung für ihr Kind. „Das ist normal, führt aber dazu, dass die Zahl der Studenten steigt.“ Im Bereich duale Ausbildung, die auch im Handwerk angeboten wird, sei die Konkurrenz ebenfalls sehr groß. „Hier muss sich das Handwerk gegen Bundeswehr, Polizei, Finanzamt und Industrie behaupten.“

Gerd Pelzer nennt den dritten Grund: „Der Gesellschaft fehlt die Wertschätzung für das Handwerk. Viele wissen einfach nicht, was wir leisten.“ Pelzer, der selbst im Baugewerbe tätig ist, nennt ein Beispiel: „Einer unserer Mitarbeiter wurde einmal von einem Kunden gefragt: ‚Sie sind doch intelligent. Warum arbeiten Sie denn auf dem Bau?’ Das sagt aus meiner Sicht alles.“ Besonders im Lebensmittelbereich, also bei Metzgern und Bäckern sei es sehr schwierig, Nachwuchs zu bekommen. Günther: „Immer häufiger schließen gerade kleine Familienbetriebe nur deshalb, weil sie keinen Nachfolger finden. Ich befürchte, dass es den kleinen Bäcker irgendwann nicht mehr geben wird, sondern nur noch große Filialisten.“ Um dennoch Nachwuchs zu finden, setzt das Handwerk auf attraktive Angebote für Studienabbrecher. Günther: „In Aachen gibt es mittlerweile eigene Berufsschulklassen für diese Leute, die beispielsweise in kürzerer Zeit ihren Abschluss machen können.“ Günther wünscht sich, dass Politik und Gesellschaft endlich erkennen, dass „Deutschland ein Einwanderungsland sein muss. Deswegen fordern wir ein sinnvolles Zuwanderungsgesetz.“ Pelzer ergänzt: „Menschen, die einigermaßen gute Deutschkenntnisse haben, haben auch gute Möglichkeiten, Arbeit zu finden.“

Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sei das Thema Digitalisierung keins, das Handwerkern Angst machen würde, erklärt Günther weiter. „Digitalisierung findet längst auch bei uns statt. Es gibt mittlerweile zum Beispiel Apps zur Arbeitszeiterfassung, die für die Betriebe weniger Bürokratie bedeuten.“

„Digitalisierung? Na und!“

Aber auch Maschinen, die einen Teil der Arbeit übernehmen, seien kein Anlass zur Sorge. Günther: „Ich sage immer: ‚Digitalisierung? Na und!’ Wir diskutieren darüber, wieder Helfer-Berufe im Handwerk zu etablieren. Uns fehlen die Leute, da können wir froh sein, wenn es dank der DIgitalisierung trotzdem zu einer Produktivitätssteigerung kommt.“ Pelzer blickt noch einmal auf 2019: „Es gibt sicherlich auch positive Aspekte. Zum Beispiel, dass die Arbeit uns nicht ausgehen wird.“

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