Düren: Hamburger Projekt würdigt Leben und Werk des Düreners Franz Kaiser

Düren: Hamburger Projekt würdigt Leben und Werk des Düreners Franz Kaiser

Mit dem Hamburger Senator Helmut Schmidt konnte sich der Dürener Franz Kaiser in den 1960er Jahren ausgiebig über Religion streiten — obwohl der spätere Bundeskanzler zu den Förderern des heute fast vergessenen Malers und Bildhauers gehörte.

Mit einer neuen Ausstellung in der Hamburger Galerie Speckstraße wird das Leben und Werk von Kaiser im Mai gewürdigt. In Düren wird man die Werke Kaisers wohl nicht zu Gesicht bekommen.

Kaiser kam am 5. Februar 1888 in der Rurstadt zur Welt, war Sohn eines Eisenbahnschaffners, ging hier zur Realschule, absolvierte eine kaufmännische Lehre, bevor es ihn mit 18 Jahren nach Berlin zog, wo er die Königliche Kunst- und Gewerbeschule besuchte, um anschließend als Architekt zu arbeiten. Bis dahin eine ganz normale kleinbürgerliche Biografie. Die änderte sich mit dem 1. Weltkrieg. Der Dürener wurde als Soldat verwundet, beteiligte sich als kommunistischer Redner an der Novemberrevolution 1918 und näherte sich künstlerisch den Dadaisten an.

Ein Provokateur

Prägend war für Kaiser die neureligiöse Erweckungsbewegung um den sogenannten „Inflationsheiligen“ Ludwig Christan Haeusser. Kaiser gab seinen Job als Architekt auf, schloss sich dem Wanderprediger Haeusser an und revoltierte gegen den bürgerlichen Kunstbetrieb.

Das gipfelte 1925 in Kaisers Kandidatur zur Reichspräsidentenwahl — mit einem wirren politischen Pamphlet. Kaiser galt bis dahin als Provokateur, als Anarchist. Thomas Lippich, der für die Ausstellung in Hamburg Zeitzeugen interviewt und schon 1989 seine Diplom-Arbeit über Leben und Werk von Kaiser geschrieben hat, beschreibt den Maler und Bildhauer als Lebenskünstler und Aussteiger. 1926 zog der Dürener nach Hamburg, konnte einzelne Werke an Museen verkaufen und bis 1933 unbedrängt künstlerisch arbeiten. Das änderte sich mit der Machtergreifung der Nazis radikal: Kaisers Werke wurden als „entartete Kunst“ gebrandmarkt, er wurde von SA und Gestapo verfolgt, sein Wohnhaus in Hamburg nach zwei Hausdurchsuchungen abgerissen.

1941 wurde er von der Gestapo gefoltert. Kaiser flüchtete nach Wien, wurde von der Waffen-SS in der Bauinspektion Dachau zwangsrekrutiert und landete kurze Zeit später in einer Nervenheilanstalt. Nach dem Krieg ging Kaiser zurück nach Hamburg, lebte bescheiden als Hausmeister, fertigte Möbel und Keramiken und malte eher nebenbei. Thomas Lippick: „Kaiser war zwölf Jahre aus dem Leben gerissen und konnte den Durchbruch nicht mehr schaffen, weil niemand seine Bilder im Stile des Expressionismus mehr sehen wollte.“ Mit Ausnahmen natürlich: Loki und Helmut Schmidt gehörten in den 1950er Jahren zu seinen Förderern und sammelten seine Werke.

Aus der Zeit vor 1945 sind kaum Arbeiten des Dürener Künstlers erhalten geblieben, aus der Zeit nach 1945 rund 500 Werke, teilweise in Privatbesitz. Thomas Lippick: „Franz Kaiser lebte bis zu seinem Tod außerhalb der Norm und ist sich immer treu geblieben. Viele Ansätze seiner Gesellschaftskritik sind auch heute noch in digitalen Zeiten eines pseudosozialen Miteinanders sehr stimmig.“

In seiner Geburtsstadt hat Franz Kaiser keine Spuren hinterlassen. Und das Interesse an ihm hält sich in Grenzen. Reinhart Richter, der die Ausstellung mit initiiert hat, hat sie dem Hoesch-Museum angeboten. „Es gab dort kein Interesse. Das ist für mich unverständlich, zumal keine weiteren Kosten entstanden wären und es eine besondere Chance gewesen wäre, die Werke in seiner Geburtsstadt zu zeigen.“ Auch das Stadtmuseum sagte Nein — allerdings aus einem anderen Grund. Anne Krings: „So schön es gewesen wäre, diese Ausstellung zu präsentieren, schaffen wir das leider nicht. Mit dem geplanten Umzug des Stadtmuseums sind wir aktuell sehr zurückhaltend, was eine Planung für die nächsten Monate betrifft.“

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