Hambacher Forst: Konflikt schwelt im Umsiedlungsort Morschenich weiter

Protest in Alt-Morschenich : Viele Häuser leer, aber keine Ruhe in Sicht

Die vielen Facetten im Konflikt am Hambacher Forst sind in diesen Tagen in Morschenich deutlich sichtbar. Dort verlassene Gebäude mit vernagelten Fenstern, auf der anderen Seite das Zeltlager im Garten eines Hauses an der Oberstraße, das „Hambi Camp 2.0“. Deren Protest geht weiter, ungeachtet des Vorschlags der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, die Braunkohleverstromung spätestens 2038 zu beenden.

Immer wieder kommen sogenannte Aktivisten in den Ort. Immer wieder kommt es zu Einsätzen der Polizei. In den vergangenen Tagen häuften sich die Nachrichten, nachdem eine Gruppe zum „Skillsharing-Camp“ in den Osterferien aufgerufen hatte. Was sich dahinter verbirgt, kann man im Internet nachlesen: Dort wurden Workshops geboten wie „Personalien verweigern, Strafverfolgung verhindern?“, „Ladendiebstahl lohnt sich – klau dir dein Leben zurück“ und „Vor Gericht und Spaß dabei?“.

Diese Workshops anzubieten, ist im juristischen Sinne  keine Straftat, ein ausgeführter Ladendiebstahl allerdings schon. Noch vor drei Tagen mussten in der Nacht drei Besetzer vom Dach eines Hauses geholt werden. Das Kuriose an dem Einsatz: Der Nachbar wollte der Polizei und der Feuerwehr das Überqueren seines Grundstücks verweigern, da er sich mit den Aktivisten solidarisiere.

„Nach den Ankündigungen im Internet haben wir natürlich ein besonderes Auge auf den Hambacher Forst gehabt“, teilt Polizeisprecher Paul Kemen mit. Zuständig ist die Aachener Behörde – allerdings „in Zusammenarbeit mit der Dürener Polizei“. Genaue Zahlen, wie viele Beamte beteiligt waren, nennt die Polizei nicht. Laut Kemen sei es erst in dieser Woche zu Einsätzen gekommen. In allen Fällen handele es sich um Hausfriedensbruch, weil Menschen auf Dächer geklettert seien. Die Feuerwehr half ihnen in allen Fällen wieder runter. In einem Fall hatten die Täter ihre Fingerkuppen verklebt, damit ihre Identität nicht festgestellt werden konnte – auch solche Techniken lehrt man im „Skillsharing-Camp“. Zu Teilnehmerzahlen an dem Camp, das offiziell am Mittwoch endete, konnte Kemen nichts sagen.

Die Aktivisten im „Hambi Camp 2.0“ verharren weiter in ihrem Protest gegen die Verstromung von Braunkohle und deren Folgen. Foto: Patrick Nowicki

Wenige Kilometer weiter im Rathaus der Gemeinde Merzenich hat man schon konkrete Pläne, was mit dem alten Ort passieren soll. Bürgermeister Georg Gelhausen (CDU) macht keinen Hehl daraus, dass er die vollständige Umsiedlung Morschenichs verlangt: „Das eigentliche Dorfleben findet bereits in dem neuen Ort statt“, sagt er. Der alte Ort Morschenich soll hingegen als „bioökonomische Zukunftsstadt“ entwickelt werden. Nur alte prägende Gebäude wie die Kirche sollen dabei erhalten bleiben. Dies sieht zumindest ein Projektkatalog vor, mit der die Gemeinde den Strukturwandel mit dem Aus des Tagebaus Hambach bewältigen will.

Dabei ist noch nicht klar, ob sich nicht doch die Schaufelräder der Braunkohlebagger in den Morschenicher Boden graben. Der Braunkohleplan sieht vor, dass etwa 2024 dort Kohle aus dem Boden geholt wird, einen neuen Plan gibt es noch nicht. Vor dem Beginn der Umsiedlung des Ortes im Jahr 2013 lebten in Morschenich 493 Menschen in 214 Haushalten. RWE Power gibt an, sich mit mehr als 90 Prozent der Eigentümer über den Erwerb ihres Anwesens geeinigt zu haben. Viele Familien sind inzwischen in den Ort Neu-Morschenich an der Landstraße 264 gezogen. Dort sollen die 130 Baugrundstücke vor allem Umsiedlern zur Verfügung stehen. Der Energiekonzern geht davon aus, dass 70 Prozent der Umsiedler sich in dem neuen Ort niederlassen werden.

Usprünglich sollten die Abbrucharbeiten der ersten Häuser in Alt-Morschenich schon im März beginnen. Die dafür erforderlichen Rodungen sind erfolgt, die Grundstücke frei geräumt. Die Abrissbagger werden jedoch erst später anrollen, zumal man inzwischen auch bei RWE davon ausgeht, dass „sich die bergbauliche Inanspruchnahme von Morschenich aufgrund der Situation um den Hambacher Forst ebenfalls verschoben hat und somit ein größerer Zeitraum für den Rückbau zur Verfügung steht“, teilt Guido Steffen, RWE-Sprecher, mit. „Durch die Verschiebung des Rückbaubeginns sollte aktiv ein Beitrag zur Befriedung der Gesamtsituation mit einer Verbesserung der Sicherheitslage für die wenigen in Morschenich noch lebenden Personen erreicht werden.“ In diesem Sinne habe man erwartet, dass keine weiteren Störungen, Vandalismus oder Hausbesetzungen in oder im Umfeld von Morschenich stattfinden. „Diese Erwartung wurde jedoch mit den Hausbesetzungen der letzten Tage getäuscht“, sagt Steffen.

Dass in Alt-Morschenich Ruhe einkehrt, ist so schnell nicht zu erwarten. Das „Hambi Camp 2.0“ ist von den Veranstaltern als Mahnwache und Versammlung deklariert und steht als solches unter dem besonderen Schutz des Versammlungsrechtes. Zunächst gilt die Genehmigung bis zum 13. Mai. Davor will man wieder eine Verlängerung beantragen. An ein Verlassen denken die Menschen, die sich dort aufhalten, nicht. „Wir kämpfen weiter, so lange die Bagger noch laufen, Dörfer abgebaggert werden und die Umwelt zerstört wird“, sagt eine Camperin.

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