Gewaltprävention in Lüxheim

Gewaltprävention : Kinder unschlagbar machen

„Neun oder zehn der Kindern haben erzählt, dass sie schon einmal mit einem Messer bedroht worden sind.“ Gewaltpräventionspädagoge Kelly H. Sach spricht hier nicht etwa von einer Schulklasse in einer Großstadt, sondern von einer Gruppe mit 26 Kindern aus Vettweiß. Sie sind zwischen acht und 13 Jahren alt und in der Lüxheimer Bürgerhalle zu einer dreitägige Ferienfreizeit zusammengekommen. Das erklärte Ziel der Veranstalter: Kinder stärker und selbstbewusster machen.

Dass das nötig ist, merkt der 61-jährige Sach täglich. Er bildet Gewaltpräventionstrainer aus – sei es bei der Polizei, in Vereinen, Kindergärten oder Schulen – und arbeitet auch direkt mit Kindern und Jugendlichen. Die Art der Gewalt, so ist seine Einschätzung, habe sich im Laufe der Zeit verändert: „Früher haben wir uns mal eine Ohrfeige gegeben, heute werden die Kinder niedergetrampelt.“ Um das zu verhindern, zeigt er den Kindern, wie sie riskante Situationen einschätzen, selbstbewusst auftreten und sich im Ernstfall selbst verteidigen können. Das werde in Teilen zwar auch in den Schulen thematisiert, aber aus seiner Sicht längst nicht umfassend genug. Kelly Sachs größte Kritik: „Oft werden die Kinder nur über sexualisierte Gewalt von Fremden aufgeklärt. Aber wir sagen ihnen, dass 80 Prozent solcher Fälle im familiären Umfeld geschehen.“

In den drei Tagen in Lüxheim geht es deshalb um Prävention und Sicherheit, aber auch um Spiel und Spaß. Wie man sich allein mit der eigenen Stimme Respekt verschafft, zeigt er dabei in einschüchternder Lautstärke: „Stopp!“, schallt die Stimme des muskelbepackten Trainers völlig unvermittelt durch den Saal. Die Kinder zucken erschrocken zusammen, erholen sich aber schnell von dem Schreck und fangen an zu kichern. „So wie ihr euch eben erschrocken habt, würde sich auch jemand erschrecken, der euch zu nahe kommt“, erklärt Sach.

Er belässt es aber nicht dabei, mit den Kindern das Schreien zu üben, sondern zeigt ihnen auch ganz konkret, wie sie sich selbst zur Wehr setzen können. „Pack mich mal vorne an der Jacke“, sagt er einem Erwachsenen, der sogleich mit beiden Händen kräftig zulangt. Mit drei Fingern jeder Hand fasst Sach daraufhin an die Handgelenke des „Angreifers“, drückt Zeige- und Mittelfinger jeweils kräftig zwischen die Sehnen an der Handgelenksinnenseite. Die Bewegung ist simpel, der Effekt beeindruckend: Sein Gegenüber lockert nicht nur den Griff an der Jacke, sondern geht vor Schmerzen in die Knie und windet sich, um dem Griff zu entkommen. Triggerpoints nennt er solche Nervendruckpunkte am Körper. Sach: „Die tun schweinisch weh, verletzen aber nicht. Ich möchte die Kinder vom Schlagen wegbekommen.“

Kelly Sach zeigt den Kindern in Lüxheim, wie er mit wenigen schnellen Handgriffen sein Gegenüber unter Kontrolle hat. Foto: ZVA/Anne Welkener

Den Grundstein dafür, dass er und sein 26-jähriger Sohn gerade die Vettweißer Kinder stark machen, legte der 14-jährige Simon Jurreit. Der Achtklässler muss am Franken-Gymnasium Zülpich ein so genanntes Sozialprojekt umsetzen. Statt Müll zu sammeln oder im Altenheim mit anzupacken, hat er direkt an Gewaltprävention gedacht, weil er selbst schon sechsmal bei einem Ferienprogramm von Sach dabei war. „Das ist etwas, das man gebrauchen kann. Und das hilft mehr weiter, als zum Beispiel im Kindergarten ein Buch vorzulesen“, ist seine Meinung. Er freut sich, dass sein Sozialprojekt noch umfangreicher geworden ist, als er anfangs gedacht hatte.

Hilfe bei der Umsetzung hat er nämlich von seinem Vater, Ortsvorsteher Günter Jurreit, und dem Jugendbeauftragten der Gemeinde, Harald Krug, bekommen. Für die beiden Männer ist das dreitägige Ferienprogramm der Höhepunkt der Jugendarbeit in Lüxheim, seit sie vor 14 Monaten – als Jurreit das Amt übernahm – ihre Zusammenarbeit starteten. Gerechnet hatten die beiden mit 20 Teilnehmern und obwohl sie die Veranstaltung erst nach den Sommerferien ankündigten, sind es 26 geworden. „Da stand für mich direkt fest, dass wir das nächstes Jahr noch mal machen“, kündigt Harald Krug an. Zukünftig soll es immer mehr Kinder geben, die genau wie Simon Jurreit, in ihrem Schulalltag auf das von Kelly Sach Gelernte zurückgreifen können – sei es, um deeskalierend einzuschreiten, bei Mobbing richtig zu reagieren oder sich selbst zu schützen.

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