Düren: Geschichten von einem Staat, der alles bestimmen will

Düren : Geschichten von einem Staat, der alles bestimmen will

Elf Monate saß sie im Gefängnis, weil sie aus der Deutschen Demokratischen Republik flüchten wollte. Christa Teiner hat Ungerechtigkeit am eigenen Leib erlebt. Ihr Leben kann beispielhaft gesehen werden, mit ihr befassten sich Oberstufenschülerinnen und -schüler des Stiftischen Gymnasiums.

Julia Weißhaupt berichtet hier für den Kurs Geschichte der Jahrgangsstufe Q2. Sie schreibt:

Ursprünglich aus dem Schwarzwald stammend, zogen Christa Teiners Eltern nach Magdeburg, wo sie im Jahr 1939 geboren wurde und aufgewachsen ist. In ihrer Jugend ist sie in der Kirche aktiv und zunächst gar nicht mit dem Gedanken befasst, die DDR zu verlassen.

Sie erlebte dann den Weggang ihres Bruders in die BRD. Nur wenige Zeit später wurde sie spontan und völlig unbedacht zum Kurier für eine Fluchtorganisation. Im September 1964 wurde die damalige Studentin der Medizin und der Bibliothekswissenschaft zusammen mit zwei anderen Frauen bei der Flucht aus der DDR verhaftet.

Acht Monate verbrachte Frau Teiner in der Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen in Berlin. Das ehemalige sowjetische Speziallager wurde 1951 vom Ministerium für Staatssicherheit übernommen und diente als Gefängnis für tausende politisch Verfolgte. Keine physische, aber die psychologische Folter sei belastend gewesen, erzählte Frau Teiner. Anekdoten vom „Klopfen“ von Nachrichten an die Zellwände brachten die Schüler zum Schmunzeln, andererseits schockierte sie die beschriebene Hilflosigkeit und Isolation der Häftlinge.

Wegen „Fluchthilfe in schwerem Fall und eigener Flucht“ verurteilte man sie zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren, die sie bis zu ihrem Freikauf im August 1965 verbüßen musste. Davon verbrachte sie zwei Monate im Frauengefängnis Hoheneck in Sachsen, in dem sie die Aufgaben einer medizinischen Helferin übernahm.

Mit Hilfe eines Unterhändlers der DDR gelang der so genannte Häftlingsfreikauf. Der Anwalt Wolfgang Vogel erreichte, dass Christa Teiner letztendlich nach elf Monaten in den Westen gelangte. Zwischen 1964 und 1989 konnten über 30.000 andere politische Häftlinge von dieser inoffiziellen Transaktion zwischen BRD und DDR profitieren. Hervorzuheben ist vor allem Frau Teiners heutige Meinung zu ihrem Werdegang. Die Schüler interessierten sich dafür, ob sie ihre Kuriertätigkeit bereue.

Sie verneinte dies entschieden. Obwohl der Gefängnisaufenthalt alles andere als schön gewesen sei und er sie auch einschneidend verändert habe, so habe dieser Prozess sie doch in den Westen gebracht. Sie konnte mit dem Studium beginnen, wurde von ihrer Familie im Schwarzwald aufgenommen und lernte kurze Zeit später ihren Mann kennen.

Einer „Verniedlichung“ der DDR will sie mit ihrer Aktivität als Zeitzeugin vorbeugen. Die DDR sei kleinkariert und verbissen gewesen, völlig weltfremd und bestimmend. In einem Staat, in dem man nicht einmal anziehen kann, was man möchte, könne sie heute nicht mehr leben. „Das Regime wollte ein Volk, das einfach folgt und nicht hinterfragt.“

„Nach dem Mauerfall waren meine Freundinnen aus Magdeburg etwa 50 Jahre alt und fingen jetzt erst an zu leben. Ein Glück, dass ich in einem Land lebe, dass mir schon immer diese Möglichkeit gegeben hat“, schloss Christa Teiner ihren Vortrag.

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