Niederzier: „Fund des Jahres”: Tiefster Steinzeitbrunnen in Hambach entdeckt

Niederzier: „Fund des Jahres”: Tiefster Steinzeitbrunnen in Hambach entdeckt

Jan Janssens fällt ein Stein vom Herzen. Der Archäologe nimmt kurz seinen weißen Bauhelm ab, wischt sich über die Stirn und lächelt. Gleich wird er den Tieflader begleiten, auf den gerade „mein größter Leckerbissen” geladen wird.

20 Tonnen wiegt der Block, den ein schwerer geländegängiger Raupenkran soeben am Rande des Braunkohletagebaus Hambach geborgen hat. Darin: der 1,20 Meter hohe Boden von Europas tiefstem Brunnen aus der Steinzeit. „Ich will bei allen Schritten dabei sein”, sagt der technische Grabungsleiter des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR).

In sogenannten Rettungsgrabungen untersucht der LVR im Vorfeld großer Abbaumaßnahmen, seien es Kies- oder Sandgruben oder Braunkohletage, die Kulturlandschaft Rheinland und fahndet in der Tiefe nach Zeugnissen vergangener Epochen. Janssen hat ein solches Zeugnis entdeckt. Es ist obendrein ein sehr bedeutendes.

Den „Fund des Jahres” nennt Milena Karabaic, Leiterin des LVR-Dezernats für Kultur und Umwelt, die Ausgrabung. Denn gefunden haben sie „vielleicht den ältesten Brunnen des Rheinlandes”, sagt sie in der Hoffnung auf die Untersuchungsergebnisse der Uni Köln.

„Speicherkarte der Steinzeit”

Im dortigen Labor werden derzeit Stücke des gefundenen Holzes untersucht. Mittels der Jahresringe soll das Alter der Eichenbretter bestimmt werden, aus denen der Brunnen gebaut wurde. 7.100 Jahre soll der Brunnen aus dem Hambacher Tagebau alt sein, schätzt der Leiter der Ausgrabung, Wolfgang Gaitzsch.

Dass Teile des Holzes nach so langer Zeit überhaupt noch vorhanden sind, liege einzig daran, dass sie ständig im Wasser lagen und ohne Zufuhr von Sauerstoff konserviert wurden. Und mit ihnen Spuren der Lebensweise der damaligen Zeit, der Zeit der Bandkeramiker. Die Menschen der Jungsteinzeit schmückten etwa 5.500 bis 4.900 vor Christus handgeformte Tongefäße mit eingeritzten Bandverzierungen.

Im Sediment des Brunnens kann alles liegen: Werkzeugstücke, Feuersteinklingen, organisches Material wie Steinzeit-Insekten, vielleicht sogar Keramiken, Geflechte oder Lederutensilien. „Speicherkarte aus der Steinzeit” nennt Gaitzsch deshalb den Brunnenboden, der nun erst einmal vier bis fünf Monate auf dem Gelände von RWE Power in Niederzier im Kreis Düren untersucht wird, bevor er für weitere Forschungen ins LVR-Landesmuseum nach Bonn gebracht wird.

Siedlung wurde 2006 entdeckt

Einer aber ist an diesem Tag besonders glücklich: Jan Janssens. Er hatte 2006 die Siedlung der Bandkeramiker entdeckt und die Mulde im Erdboden, die auf den Brunnen schließen ließ. Er war 2008 dabei, als man neben dem mutmaßlichen Brunnen in die Tiefe graben ließ und sich die Hoffnungen bestätigten. Jetzt ist der Brunnen abtransportiert.

Janssens hat alles fotografiert. „So einen Fund”, sagt der 58-Jährige, „macht man als Archäologe nur einmal in seinem Leben. Und da muss man schon viel Glück haben.”

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