2019 ... Nur Mut!: Für diesen Trendscout ist die Zukunft ein „Raum voller Möglichkeiten“

2019 ... Nur Mut! : Für diesen Trendscout ist die Zukunft ein „Raum voller Möglichkeiten“

Raphael Gielgen aus Langerwehe arbeitet als Trendscout. Angst vor der Zukunft hat er nicht – aber er ist wahnsinnig neugierig.

Vielleicht sind es diese zwei Aussagen, die einen ahnen lassen, wie Raphael Gielgen tickt: „Die Menschen brauchen keine Angst vor 2019 zu haben“, sagt er. „Sie müssen sich nur immer neuen Realitäten stellen. Das hat mein Opa machen müssen. Das hat mein Vater machen müssen. Das muss ich auch.“ Und: „Bei Pioniergeist geht es nicht allein um neue Ideen. Wer Pioniergeist entwickeln will, muss gegen alte Denkweisen kämpfen.“

Raphael Gielgen kommt aus Langerwehe, ist 49 Jahre alt und arbeitet nach einer Ausbildung als Schreiner und Kaufmann seit vier Jahren als Trendscout mit dem Themenschwerpunkt „Zukunft der Arbeit“ für Vitra, ein international agierendes Schweizer Familienunternehmen. Seit Jahrzehnten entstehen bei Vitra Möbelstücke, die mit erstaunlicher Regelmäßigkeit zu Design-Ikonen werden. Eines der bekannten Vitra-Stücke ist der „Organic Chair“.

Rund 200 Tage im Jahr unterwegs

Gielgen ist für sein Unternehmen rund 200 Tage im Jahr auf der ganzen Welt unterwegs – auf der Suche nach dem bisher Ungesehenen, auf der Suche nach der Arbeitswelt von morgen, auf der Suche nach der Zukunft. „Ich glaube“, sagt Gielgen und schmunzelt, „ich habe einfach viel zu viel Neugier mitbekommen. Ich lese rund 800 Artikel in unterschiedlichen Magazinen und Zeitungen pro Jahr und bin immer auf der Suche nach Menschen, die Dinge tun, die vorher noch keiner gemacht hat. Und die besuche ich dann.“ Irgendwann, so Gielgen, sei in seinem Kopf ein Modell von der Welt von morgen entstanden.

Angst, sagt der Langerweher, mache ihm dieser Blick auf die Zukunft nur selten. „Natürlich kann ich verstehen, wenn Menschen Angst haben. Angst vor dem neuen Jahr, Angst vor einer Gesellschaft mit immer weniger Stabilität, aber zum Beispiel auch Angst vor Altersarmut.“

Gleichzeitig, ergänzt Gielgen, gehe es uns aber auch sehr gut. „Die Arbeitslosigkeit ist gering, im Schnitt machen die Menschen zweimal im Jahr Urlaub. Aber das bleibt eben nicht automatisch so. Man muss sich diese Dinge erarbeiten, sich immer wieder neu hinterfragen. Immer wieder neu erfinden.“ Bezogen auf die Arbeitswelt der Zukunft erklärt Gielgen das so: „Die Arbeitswelt ändert sich heute genau so, wie damals mit der Einführung des Buchdrucks oder der Dampfmaschine. Natürlich macht es Menschen Angst, wenn eine Maschine ihre Arbeit übernimmt. Aber es werden neue Aufgaben entstehen, auf die man sich einlassen muss.“

Gielgen kommt noch einmal zurück zu seinem Satz ganz am Anfang. „Es geht darum, dass wir Menschen uns immer wieder neuen Realitäten stellen müssen. Darum geht es seit dem Beginn der Menschheit.“ Er wählt ein Bild: „Jeder findet große Steine im Fluss seines Lebens, die er aus dem Weg räumen muss. Bei meinem Opa waren es zwei im Laufe seines Lebens, bei meinem Vater fünf. Und bei mir sind es fünf in fünf Jahren.“

Dadurch, ergänzt Gielgen, entstehe Unsicherheit. „Und Unsicherheit erzeugt Angst.“ Gleichzeitig sei das Leben ungeheuer bequem geworden. „Google, Lieferdienste, Online-Versandhandel – wir fahren nur noch auf Sicht, denken gar nicht mehr in längeren Zyklen. Und wundern uns dann plötzlich sehr, dass es einen enorm heißen Sommer gibt und es in Langerweher an der Tankstelle plötzlich kein Super mehr gibt.“

In einem längeren Kontext denken

Was Gielgen sagen will: Die Gesellschaft muss wieder lernen, in einem längeren Kontext zu denken. „Wir müssen die Dinge wieder begreifen. Meine Generation ist in einer absoluten Welt groß geworden. Entweder war man katholisch oder evangelisch. Entweder wählte man CDU oder SPD.“ Heute sei die Welt viel bunter geworden.

Gielgen: „Aber die Menschen tun sich schwer, die Graustufen zu begreifen. Wir müssen uns wieder viel mehr mit Dingen beschäftigen, mit denen wir eigentlich gar nichts zu tun haben.“ Der Mensch sei immer ein Abenteurer und Entdecker gewesen. „Heute ist unsere Bequemlichkeit so groß, dass wir keine Entdecker mehr sind. Wir haben verlernt, Kind zu sein.“

Für Gielgen, der von der Zukunft als „Raum voller Möglichkeiten“ spricht, ist die heutige Zeit eine privilegierte Zeit. „Wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten wie heute. Das müssen wir uns bewusst machen.“ Wenn Gielgen auf der ganzen Welt unterwegs ist, Vorträge hält und mit den Menschen über die Zukunft der Arbeitswelt diskutiert, stellt er eigentlich immer die selben beiden Frage: Was gibt es heute, was es vor zehn Jahren noch nicht gibt? Und was wird es in zehn Jahren geben, was es heute noch nicht gibt? „Die erste Frage ist natürlich viel einfacher als die zweite. Aber es geht einfach darum, sich überhaupt mit der Zukunft und mit den Möglichkeiten, die wir haben, auseinanderzusetzen.“

Gielgen ist davon überzeugt, dass die Welt von morgen nicht nur bestimmten Menschen vorbehalten ist. „Es ist keine Frage des Geldes, an dieser Welt teilhaben zu können“, sagt er. „Es ist eine Frage der persönlichen Haltung. Es ist eben auch Bestimmung des Menschen, die Welt zu verändern.“ Die Fortschritte, die vorherige Generationen erreicht hätten, seien in erster Linie Verpflichtung. Gielgen: „Es gilt, sich immer wieder neu zu fragen, wofür man selbst sich eingesetzt habe. Wir müssen endlich für uns selbst annehmen, dass wir von jedem anderen Menschen etwas lernen können. Wir dürfen nie aufhören, offen für andere Dinge zu sein.“

Mit Freude und Zuversicht

Wenn der Langerweher auf sein Jahr 2019 blickt, tut er das mit Freude und Zuversicht. „Ich hoffe, dass ich wieder viel entdecken und meine Entdeckung in meine eigene Organisation tragen kann, damit daraus Neues entsteht was uns bis heute verborgen war.“ Privat will Gielgen sich auf die Suche danach machen, was den Mensch eigentlich ausmacht.“ Ohne Angst. „Angst nützt nichts“, sagt er. „Wir müssen die Dinge versuchen zu verstehen, zu begreifen und neu zu kombinieren. Dann brauchen wir keine Angst mehr zu haben.“

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