Fremdes entdecken beim Kammermusikfestival "Spannungen" in Heimbach

Kammermusikfestival „Spannungen“ : Musiker verlassen den angestammten Platz

Das war selbst für das Kammermusikfestival „Spannungen“ in Heimbach eine echte – musikalische – Besonderheit. Vier Musiker die Volker David Kirchners Stück „Exil“ spielen, stehen mitten im dritten Satz auf, verlassen teilweise die Bühne. Geiger Florian Donderer steht plötzlich in Block C unmittelbar beim Publikum. Klarinettistin Sharon Kam geht hinter die Bühne und selbst Cellistin Quirine Viersen nimmt auf einem Stuhl ganz am Rande der Bühne Platz. Nur Pianistin Danae Dörken bleibt bei ihrem Flügel

„Von fremden Ländern und Menschen“ ist die 22. Auflage von „Spannungen“, dem Kammermusikfestival im Heimbacher Jugendstilkraftwerk, überschrieben. Anstoß zu diesem Motto hat Robert Schumann mit seinen berühmten „Kinderszenen“ gegeben. „Die Romantik“, sagte Festivalleiter Lars Vogt, „war immer auch ein Symbol von Sehnsucht, Ferne, Neugier und Abenteuerlust.“ Leider habe die Geisteshaltung der Romantiker mittlerweile zunehmend einer eher ängstlichen und skeptischen, oft sogar ablehnende und diskriminierenden Sicht auf alles Fremde Platz gemacht. Um dem entgegenzuwirken haben Vogt und die „Spannungen“-Musiker ein Programm zusammengestellt, das vor allem sehr vielfältig ist. 35 Künstler aus 15 Ländern spielen 38 Werke von Komponisten aus 13 verschiedenen Nationen. Das Besondere: Zu einem der Werke gibt es an jedem Konzertabend ein kurzes Gespräch zweier Künstler.

Positive Vielfalt

Am Montagabend haben Danae Dörken und Sharon Kam „Exil“ vorgestellt. „Der Exilgedanke“, sagte Dörken, „scheint für Volker David Kirchner sehr negativ behaftet zu sein. Für mich, die ich halbe Griechin und halbe Deutsche bin, ist er das gar nicht.“ Sie sei zwar in Griechenland immer die mit den „komischen deutschen Eigenschaften“ und in Deutschland die „mit den komischen griechischen Eigenschaften“, habe aber gelernt, das für sich als Vorteil anzuerkennen. „Vielfalt ist für mich absolut positiv“, erklärte Dörken. „Ich bin in der Lage, mich überall wohl zu fühlen.“

Sharon Kam, die in Israel geboren ist, in New York studiert hat und heute überall auf der Welt Konzerte gibt, nannte noch einen anderen Aspekt: „Als Musiker ist man irgendwie doch immer ein bunter Vogel, weil man immer angeschaut wird.“ Dass in Kirchners Werk auch jüdische Themen und Spuren von Klezmer-Musik anklingen, hat für die Jüdin Kam die Interpretation des Werkes nicht leichter gemacht. „Ich bin Wahl-Deutsche trotz meiner Religion. Ich habe damit also kein Problem. Trotzdem muss ich das Thema so emotional rüberbringen, wie Kirchner es sich gewünscht hat.“

Musikunterricht mit einem Profi-Fagottisten: Theo Plath. Foto: Martin Dieckmann

Für die Zuschauer war „Exil“ sicher eine besondere Erfahrung, genau wie auch das zweite Werk des Abends „Naturale“ für Viola, Perkussion und Tonband von Luciano Berio. Auf den Tobandpassagen ist ein sizilianischer Volkssänger zu hören. „Es ist sehr anders, fast schon fremd“, hat es eine Konzertbesucherin formuliert. „Aber man kann in dieser besonderen Atmosphäre im Kraftwerk außerordentlich konzentriert zuhören. Und die technische und musikalische Perfektion der Künstler führt auch dazu, dass man sich gut auf diese Art von Musik einlassen kann.“

Neugierde eben auch auf Seiten der Zuschauer, das passt ebenfalls zum Zeitalter der Romantik und dem besonderen „Spannungen“-Thema in diesem Festivaljahr.

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