Düren: Forscher Christoph Butterwegge fordert Ausbau des Sozialstaates

Düren : Forscher Christoph Butterwegge fordert Ausbau des Sozialstaates

„Die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft“ war Thema eines Referats, das der Armutsforscher Prof. Dr. Christoph Butterwegge im Rahmen des „Forums Politik“ hielt, das von der Evangelischen Gemeinde zu Düren, der Region Düren des Bistums Aachen, dem Katholikenrat Düren, dem Deutschen Gewerkschaftsbund und dem BUND gebildet wird.

Wie brisant dieses Thema ist, bewies der außergewöhnlich große Zuspruch. Die Plätze im großen Saal im Haus der Evangelischen Gemeinde waren restlos besetzt.

Nach einer Einführung durch Pfarrer Dr. Dirk Siedler merkte der Referent gleich zu Beginn an, dass die Politik Armut nicht einmal im Wahlkampf thematisiert habe. Das liege auch daran, dass Arme in reichen Ländern sich eher zurückziehen, während sie in armen Ländern kämpferisch auftreten. Hierzulande unterscheidet Butterwegge zwischen absoluter und relativer Armut. Bei ersterer fehlen sogar die Lebensgrundlagen, bei der zweiten sei man von der Teilnahme beispielsweise an Kultur- und Freizeitangeboten ausgeschlossen.

Butterwegge wies auf den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hin, der belege, dass sich Vermögen zunehmend bei wenigen Hyper-Reichen konzentriert. Diese verfügen über riesiges Kapital-Eigentum und machen meistens auch große Erbschaften. Für ihn ist die zunehmende Spaltung in Arm und Reich Folge falscher Weichenstellungen der politisch Verantwortlichen.

Er sieht hier einen „Paternoster-Effekt“, der bewirkt, dass durch die Zunahme des Reichtums einiger die Armut anderer wächst. Wer den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und Armut wirksam bekämpfen wolle, müsse die Umverteilung von unten nach oben beenden und für mehr Steuer-Gerechtigkeit sorgen. Hier forderte Butterwegge vor allem Änderungen in Bezug auf Einkommen-, Vermögens- und Erbschafts- sowie Börsenerwerbssteuern. Er sieht im aktuellen Steuerrecht das „Matthäus-Prinzip“, nach dem biblischen Motto: „Wer hat, dem wird gegeben, wer wenig hat, dem wird genommen“.

Daneben fordert der ehemalige SPD-Mann und Kandidat der „Linken“ zur letzten Bundespräsidentenwahl den Ausbau des Sozialstaates und eine Neuregulierung des Arbeitsmarktes mit einem höheren Mindestlohn ohne Ausnahmetatbestände und weitere Arbeitszeitverkürzungen.

Nachdem die Fragen der Zuhörer gesammelt und von Pfarrerin Vera Schellberg in Blöcke sortiert worden waren, kristallisierten sich die Schwerpunkte heraus: Wer kann etwas tun, um die gestellten Forderungen zu erfüllen? Da sei jeder gefragt, als Privatmann oder in einer Partei. Dass europäische Regelungen helfen könnten, glaubt Professor Butterwegge nicht, weil Sozialpolitik Sache der einzelnen Staaten sei. Warum Arme eine so schlechte Lobby haben, ist nach Butterwegge ganz einfach darauf zurückzuführen, dass es „zu wenig Linke“ gibt.

Am Ende des Abends, zu dem kein Eintritt verlangt wurde, hatte jeder die Möglichkeit, etwas zu spenden. Der Erlös kommt dem Fonds für in Not geratene Menschen der Evangelischen Gemeinde zu Düren zugute.

Mehr von Aachener Nachrichten