Evangelische Gemeinde:Jörgen Klußmann über Islam und Christentum

Vortrag bei der Evangelischen Gemeinde : Die eigenen Vorurteile über Bord werfen

Wer selbst eine Religion ausübe, dem falle der Dialog mit anderen Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft leichter. Das war eine der Kernaussagen von Jörgen Klußmann in seinem Vortrag „Zukunftsvisionen multireligiöser Gesellschaften“, den er im Haus der Evangelischen Gemeinde hielt.

In seinem Referat, das er auf Einladung des christlich-islamischen Gesprächskreises, der Gesellschaft für Interkulturelle Verständigung (GIVE) und der Evangelischen Akademie hielt, zeichnete Klußmann zunächst die Geschichte des Christentums und des Islams in den vergangenen 500 Jahren nach. Während das Christentum sich vor rund 500 Jahren zur Säkularisierung und der damit verbundenen Trennung von Staat und Kirche entwickelt habe, sei dieser Prozess in vielen islamisch geprägten Ländern noch nicht oder erst vor kurzer Zeit angestoßen worden.

Weniger als 100 Jahre sei es her, dass Mustafa Kemal Atatürk diese Trennung zwischen Politik und Religion in der Türkei eingeführt habe, die aber in der islamischen Gesellschaft nicht angekommen sei und jetzt auch vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Frage gestellt werde. Die Trennung sei essentiell für ein friedliches Miteinander der Religionen in der Zukunft. Mit ihr beginne Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit und Religionsfreiheit in einer toleranten Gesellschaft zugrunde läge. Leider gäbe es zurzeit überall auf der Welt islamfeindliche Tendenzen, die dazu führten, dass zwischen Islam und islamistischem Terror nicht mehr differenziert werde und die sich in den nächsten Jahren vermutlich noch verstärkten, erörterte Klußmann.

Das treffe auch auf Meinungsbilder in Deutschland zu. Eine der Statistiken, die er mitgebracht hatte, zeigte eine überwiegende Zustimmung zu der Aussage „Die hier lebenden Muslime bedrohen unsere Freiheiten und Rechte“. 52 Prozent der Befragten hatten mit „eher ja“, 26 Prozent mit „voll und ganz“ geantwortet.Diese Zahl empfand Nihat Kiliç von GIVE als einschüchternd. Denn die Menschen hinter den Prozentzahlen lebten ja nicht im Weltall, sondern seien Nachbarn und Kollegen. Nevin Yelmen setzte den Prozentzahlen ihre eigene Erfahrung entgegen. „Ich kann nicht sagen, ob die Zahlen stimmen und sich 70 Prozent der Deutschen vor Muslimen fürchten, sagte sie. „Aber ich scheine immer nur auf die anderen 30 Prozent zu treffen.“ Ihre Familie sei vor zwei Jahren aus der Türkei hierher gekommen. Vermieter, Nachbarn, Lehrer, Schulkameraden – alle seien sehr freundlich.

Zahl der Gläubigen

Klußmann stellte auch Statistiken zur Entwicklung der Gläubigen-Zahlen weltweit vor. Man gehe davon aus, dass im Jahr 2050 und jene der Muslime ungefähr gleich sei, der Islam also an Bedeutung gewinne. Für Europa nähme man einen Anstieg der Muslime von knapp fünf Prozent in 2016 auf zwischen sieben und zehn Prozent der Bevölkerung in 30 Jahren an. Eine „Islamisierung“ sei Unsinn, wenn man sich die Zahlen anschaue. „Nicht jede Bedrohung ist real“ urteilte Klußmann. „Extreme und Populisten schüren diese Ängste. Aber auch der radikale Islam sorgt dafür, dass Ängste sich manifestieren.“

Angst gäbe es übrigens auch in der muslimischen Gesellschaft. Angst, die eigene Identität zu verlieren oder nicht anerkannt zu werden. Darauf wies Nihat Kiliç hin. Er wünsche sich, dass alle ihre Vorurteile über Bord würfen. „Ich nehme mich da nicht aus. Meine Frau trägt Kopftuch und wenn mich bei einem Spaziergang jemand länger anschaut, beziehe ich das oft darauf. Aber vielleicht gefällt ihm ja auch einfach mein Hemd gut“ schilderte er sein eigenes manchmal von Vorurteilen geprägtes Kopfkino und schlussfolgerte, dass man immer nur bei sich selbst anfangen könne, etwas zu ändern.

Genau das gehörte auch zu den Lösungsansätzen für das  Gelingen einer multikulturellen Gesellschaft in der Zukunft, die Klußmann vorstellte. Austausch und Begegnung seien essentiell. Auch die Weiterentwicklung transkultureller Ansätze in Kunst, Musik und Mystik seien wichtig, genau so wie der Aufbau digitaler Angebote, um neutral über Gemeinsamkeiten und Unterschiede informieren.

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