Nörvenich: Eurofighter aus nächster Nähe erlebt

Nörvenich : Eurofighter aus nächster Nähe erlebt

Die Piloten geben Vollgas. Die Triebwerke der Eurofighter heulen auf. Einer der seltenen Nachbrennerstarts steht an diesem Donnerstagvormittag auf dem Trainingsplan des „Boelcke“-Geschwaders. Denn anders als der bis 2010 in Nörvenich geflogene Tornado benötigt der Eurofighter den zusätzlichen Schub eigentlich nicht.

In diesem Moment verschlingt der modernste Kampfjet der Luftwaffe rund 300 Liter Kerosin pro Minute, erklärt Oberleutnant Robert Schuster wenig später.

Beim Besuch auf dem Fliegerhorst Nörvenich erklärte Oberleutnant Robert Schuster den DZ-Lesern den Eurofighter, den sie zuvor bei einem Nachbrennerstart live in Aktion gesehen hatten. Foto: Jörg Abels

180 Kilonewton Schub oder mehr als 150.000 PS (physikalisch nicht exakt umzurechnen) lassen den Eurofighter schon nach gut 700 Metern auf der 2,8 Kilometer langen Start- und Landebahn in die Luft schießen. Mit bis zu 315 Metern in der Sekunde geht‘s nahezu senkrecht in den Nörvenicher Himmel. Als die Jets nur noch kleine Punkte am Firmament sind, drehen die Piloten nach Norden ab. Welche immensen Kräfte in diesem Moment auf ihren Körpern lasten, können die 25 Leser, die im Rahmen einer Aboplus-Tour zu Gast auf dem Fliegerhorst sein dürfen, vom Vorfeld aus kaum erahnen.

Leser Dirk Wagner durfte die Leistungsfähigkeit seiner Halsmuskulatur im Fitnessraum testen. Foto: Jörg Abels

„In schnellen Kurven wirken bis zu 9G auf die Piloten ein“, erklärt Oberstabsfeldwebel Thomas Hohlbein, der Infomeister des Taktischen Luftwaffengeschwaders 31 „Boelcke“. 9 G steht für das neunfache Körpergewicht, mit dem die Piloten in diesen Momenten in ihren Sitz gepresst werden. Zum Vergleich: Die wildesten Fahrgeschäfte auf der Annakirmes werben mit Belastungen von 5 G. „Der Kopf, der samt Helm normalerweise fünf Kilogramm wiegt, wird binnen Sekundenbruchteilen 45 Kilo schwer“, verdeutlicht Hohlbein. Daher muss der Körper auf die immensen Belastungen vorbereitet werden, vor allem die Muskulatur und die Wirbelsäule, damit es nicht zu Bandscheibenvorfällen kommt.

Hauptfeldwebel Sascha Dörner erklärte die Funktion der Anti-G-Spezialkleidung. Foto: Jörg Abels

Aus diesem Grund hat der Nörvenicher Fliegerarzt nach der Eurofighter-Einführung Ende 2009 ein spezielles Gesundheits- und Fitness-Programm für Eurofighterpiloten entwickelt, individuell auf die Bedürfnisse jedes einzelnen abgestimmt, erklärt Hauptfeldwebel Björn Kramer, einer von zwei Physiotherapeuten, die sich täglich mit einem Sportwissenschaftler um die Piloten kümmern. „Denn anders als zu Tornadozeiten ist beim fliegenden Hightech-Computer Eurofighter der Mensch der begrenzende Faktor“, erklärt Kramer.

Die Fliegende Staffel verfügt über einen speziellen sportmedizinischen Trainingsraum, in dem Kramer und seine Kollegen mit weiterentwickelten Fitnessgeräten insbesondere die Beweglichkeit des Rumpfes und der Halswirbelsäule der Piloten verbessern. Ein Programm, das zwar nicht verpflichtend ist, mittlerweile aber in jedem Luftwaffengeschwader zum Einsatz kommt, und auch vom Heer eingesetzt wird, erklärt Kramer. Ziel sei es, die Muskulatur der Piloten so zu kräftigen, dass sie im Falle eines Luftkampfes länger die waghalsigen Flugmanöver aushalten als der Gegner.

Die entsprechende körperliche Fitness ist eine Voraussetzung, um einen Kampfjet wie den Eurofighter sicher fliegen zu können. Noch wichtiger aber ist die Spezialkleidung, die jeder Eurofighter-Pilot anlegen muss. Die sogenannte Anti-G-Hose verhindert, dass das Blut in die Beine schießt, eine Spezialweste unterstützt die Atmung, die schon ab 3 bis 4 G schwer wird, erklärt Hauptfeldwebel Sascha Dörner. Aber die multifunktionale Weste verhindert nicht nur eine drohende Ohnmacht, sie beinhaltet auch Notfallausrüstung für den zum Glück bislang in Nörvenich noch nicht eingetretenen Fall, dass sich ein Pilot mit dem Schleudersitz aus dem Eurofighter herausschießen muss.

Dazu zählen eine Schwimmweste, die bei Wasserkontakt automatisch ausgelöst wird und ein Notfallfunkgerät. Die gesamte Spezialkleidung, zu der auch speziell an den jeweiligen Piloten angepasste Helme gehören, werden vor und nach jedem Flug unter die Lupe genommen. Die Weste wird alle 15 Wochen inspiziert, das Funkgerät sogar alle 30 Tage, erklärt Dörner der Lesergruppe, die einen umfassenden Eindruck vom Fliegerhorst und der Arbeit des ältesten Jetverbands der Luftwaffe, 1958 in Dienst gestellt, erhält.

Dabei ist Infomeister Thomas Hohlbein eines noch ganz wichtig: Es kommt immer mal wieder vor, dass die „Boelke“-Soldaten zur Luftraum-Polizei werden. Immer dann, wenn die eigentlich dafür zuständigen Verbände im ostfriesischen Wittmund und Neuburg an der Donau verhindert sind, stehen auch in Nörvenich rund um die Uhr vollbewaffnete Eurofighter bereit, um Kontakt zu Flugzeugen aufzunehmen, die keinen Kontakt zur Flugsicherung haben.

Rund 50 Mal im Jahr kommt es vor, dass Verkehrsflugzeuge zum Beispiel die falsche Frequenz eingeschaltet oder Defekte haben. Dann setzt sich ein Eurofighter neben das Verkehrsflugzeug, versucht Kontakt zum Piloten aufzunehmen und geleitet ihn, wenn nötig, zum nächstgelegenen Flugplatz. Auch das gehört zum Auftrag des Geschwaders, neben der Fähigkeit, im Verteidigungsfall Luft- und Bodenziele bekämpfen zu können.

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