Erste Hilfe: Das können Eltern in Notfällen tun

Notfälle bei Kindern : Vergiftung, Verbrennung, Atemnot: Wie Eltern beherzt helfen können

Die Hausapotheke muss gar nicht prall gefüllt sein, wenn es einem Kind plötzlich schlecht geht. Das findet Melanie Kötter, sie ist gelernte Krankenschwester und Rettungssanitäterin.

Starke Nerven, Handlungswissen und eine Rolle Pflaster – das ist aus ihrer Sicht das Wichtigste, wenn es bei den lieben Kleinen zu richtigen oder gefühlten Notfällen kommt.

Dabei sind starke Nerven keineswegs nur eine Frage der Persönlichkeit: „Wer weiß, wie er einem Kind helfen kann, der kann in einer stressigen Situation auch ruhig bleiben und souverän handeln. Diese Ruhe ist das A und O, weil sie sich auch auf das Kind überträgt.“ Ihr Wissen gibt Melanie Kötter in Erste-Hilfe-Kursen an Eltern und Großeltern weiter, damit sie im Fall der Fälle bei Kind und Enkel nicht in Panik geraten.

Kötter unterscheidet dabei „Alltagskatastrophen“ – das können für Kinder auch eine Schürfwunde oder eine leichte Verbrennung sein – von wirklich lebensbedrohlichen Notfällen, in denen Atmung, das Herz-Kreislauf-System oder das Bewusstsein betroffen sind. Sich diese Unterschiede bewusst zu machen, würde vielen Eltern schon helfen. Vergiftungen, Verbrennungen und Wunden können zwar im Extremfall lebensbedrohlich sein, sind es meistens aber nicht. Etwa, weil Verbrennungen im Alltag nicht so flächig sind und giftige Substanzen oft nur in sehr geringen Mengen eingenommen wurden.

Ein ganz wichtiger Teil der Ersten Hilfe bei Kindern ist das Trösten. Eine Notfallsituation stresst zwar auch Erwachsene, aber sie haben eine Vorstellung davon, wie es weitergeht. Sie wissen, dass ein Sanitäter helfen will, dass Medikamente Schmerzen lindern, dass vier Wochen mit einem Gipsbein vorüber gehen. Kindern fehlt diese Lebenserfahrung und ihnen fehlt das Verständnis von Zeit. Notfallsituationen verarbeiten sie also völlig anders. Gleichzeitig ist die kindliche Hirnstruktur aber auch ein Segen: „Kinder können nicht ängstlich und neugierig zugleich sein“, erklärt Kötter. Wenn es gelinge, ein Kind mit einem Ablenkungsmanöver aus der „Alles ist schlimm“-Situation heraus- und in eine „Das ist aber spannend“-Situation hineinzuführen, sei das bei den kleineren Katastrophen schon die halbe Miete. „Wenn ein Kind auf einem Feldweg stürzt, hört es sicher auf zu weinen, wenn der Bauer mit dem Traktor vorbeikommt. Dabei heilen Traktoren keine Schürfwunden“, veranschaulicht die Fachfrau. Dafür müssten Eltern aber die Ruhe bewahren, auch wenn ein Kind blutet. Aufgescheuchte Eltern seien kaum handlungsfähig – aber weil nicht jeder mit der nötigen Coolness ausgestattet sei, könnten Erste-Hilfe-Kurse Sicherheit schaffen und Notsituationen den Schrecken nehmen. „Dann können sie Kinder möglichst unbeschadet aus Notfallsituationen herausholen.“ Unabhängig davon sollten Eltern den Rettungsdienst rufen, wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen.

Eine der häufigen Notfallursachen bei kleinen Kindern ist das Verschlucken von Gegenständen. „Dann sollen Eltern einem Kind ruhig beherzt zwischen die Schulterblätter schlagen und das Kind dabei nach vorne beugen, um die Schwerkraft zu nutzen“, erklärt Kötter. Meist könnte einem Kind damit schon geholfen werden, auch mit vorsichtigen Kompressionen des Brustkorbes könnte ein Hustenreiz ausgelöst werden. Im schlimmsten Fall wird wie nach dem Ertrinken die Herz-Lungen-Wiederbelebung nötig – die viele zu Führerscheinzeiten zum letzten Mal geübt haben.

Melanie Kötter bietet beim Katholischen Bildungsforum in Düren im November einen Erste Hilfe-Kurs an. Foto: ZVA/Sarah Maria Berners

„Erste Hilfe kann nicht immer zur Heilung führen. Wenn Eltern das verschluckte Bonbon herausbekommen, tut sie das. Wenn Eltern nach einer schwereren Verbrennung das Kind trösten, bis der Rettungsdienst kommt, ist das auch Erste Hilfe. Manchmal führt sie nur dazu, dass etwas nicht schlimmer wird“, sagt Kötter. Damit sei Kindern sehr geholfen.

Gefahren vermeiden

Viele kleine und große Notfallsituationen lassen sich aber vermeiden, ist Kötter überzeugt. Vorbeugen sei immer besser als heilen, und viele Gefahrensituationen könnten beseitigt werden, wenn man sich derer bewusst sei. Häufige Ursache für Vergiftungen seien Medikamente – oftmals gar nicht zu Hause, sondern bei Oma und Opa, wo sie griffbereit auf dem Nachttisch oder am Waschbecken liegen. Im Garten können Pflanzen wie Kirschlorbeer – die Früchte sehen aus wie leckere schwarze Johannisbeeren – gefährlich werden. „Ich bin nicht dafür, Kinder in Watte zu packen. Wir wollen Kinder gut behütet laufen lassen. Dafür muss ich ihnen Wissen mit auf den Weg geben und die Umgebung so gestalten, dass sie auch laufen können“, betont Kötter. Damit zielt sie zum Beispiel auf das Thema Verbrennungen. „Kinder haben keine Vorstellung davon, was ‚heiß‘ bedeutet. Ich kann ein Kind 500 Mal vor der heißen Herdplatte warnen, aber das Kind wird es nicht verstehen“, sagt Kötter. Sie müssten das Wort zunächst im Wortsinne begreifen. „Das tun sie entweder bei der ersten Verbrennung oder wenn sie es geschützt lernen, indem sie zum Beispiel mal an eine Kaffeetasse fassen“, rät die Kursleiterin.

(smb)
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