Elf Häuser versperrten den Blick auf prachtvolle St. Anna-Kirche

In der Dürener Oberstraße : Elf Häuser versperrten den Blick auf prachtvolle St. Anna-Kirche

Die Martinskirche – so hieß die Annakirche bis zur offiziellen Umbenennung im Jahre 1804 – war vom Spätmittelalter bis 1855 mit elf kleinen vorgelagerten Häusern umgeben, den sogenannten „Gedemen“. Die historische Bezeichnung steht für „kleine Häuser“.

Sie ließen nur schmale Durchgänge zum heutigen Ahrweilerplatz, dem früheren Hühnermarkt in Düren. Und die Bezeichnung Ahrweilerplatz wäre auch ohne die „Gedeme“ und die Familien, die in ihren wohnten, undenkbar, denn der 1786 geborene spätere Notar Alexander Theodor Ahrweiler wurde im „Gedeme“-Haus Nr. 6 geboren. Er war der Stifter des Stiftischen Gymnasiums.

Der Dürener Lokalhistoriker Herbert Reiter hat bei seinen Recherchen viele Informationen zu den kleinen Häuschen zusammengetragen, um die es in unserer zweiten Folge „Damals und heute“ geht:

„Schon Wenzel Hollar verzeichnet auf seinem Dürener Stadtplan von 1634 die Häusergruppe. Sie hat vor dem großen Stadtbrand und der Eroberung Dürens während des Dritten Geldrischen Erbfolgekrieges (Jülicher Fehde) im Jahre 1543 bereits bestanden. In den Aufzeichnungen (Jahrmessenbuch) des Dürener Karmeliterklosters ist ein Eintrag aus dem Jahre 1406 zu finden, dass ein Haus dort gestanden habe, ,under den Gedemen prope prope eimeterium’ (unter den Gedemen neben dem Friedhof) und wenig später unter dem gleichen Jahr ,under den Gedemen iuxta eimiterium, item nominatur in der Overstraissen’ (Oberstraße).

Die Annakirche steht heute frei, der Zugang zum Ahrweilerplatz ist großzügig. Foto: Volker Uerlings

Diese Gebäude dienten nicht nur als Wohnhäuser, sondern auch als Kaufläden und Handwerksbetriebe. Das obere Foto rechts (um 1883) zeigt allerdings Bauten einer weit jüngeren Zeit. Deutlich wird das insbesondere beim Cremer‘schen Haus mit seinen stark renaissancehaften Stilelementen. Nach damaligem Empfinden störten diese Häuser den Blick auf die prachtvolle Annakirche. Daher kam bei der Stadtverwaltung der Wunsch auf, diese Häuser zu beseitigen. Er wurde erstmals im Jahre 1842 geäußert, jedoch noch nicht gleich umgesetzt.

Nachdem allerdings später mit dem Anbau der Josefskapelle an die Kirche – sie wurde 1879 erbaut – gerechnet wurde, konnte die Verwaltung den Plan neu aufgreifen. Sie machte geltend, dass durch die Kapellenanlage der Marktplatz auf dem Hühnermarkt (Ahrweilerplatz) verkleinert werde. Da der Raum für die Verkäufer ohnehin schon sehr eng sei, müsse man neuen Platz gewinnen. Vorgeschlagen wurde zunächst, zwei der nördlichen, am Chor der Annakirche befindlichen Häuser zu entfernen – was dann später auch so geschehen sollte.

Zur Verbreiterung der Oberstraße und nach dem Vorbild der Freilegung des Kölner Doms erfolgte mit dem Abbruch dieser Häuser auch die Freilegung der Annakirche in der Zeit von 1855 bis 1907. Die Häuser wurden zum größten Teil aufgekauft, einige der Eigentümer mussten allerdings enteignet werden.

Vier „Gedeme“

Zuletzt, 1887, standen an der nordöstlichen Seite des Kirchenschiffes der Annakirche noch vier „Gedeme“: die Häuser mit den damaligen Hausnummern 2 bis 8.

Zwei der Häuser, zum einen das Haus mit der Nr. 2, das Drechslergeschäft des Christian Adolph Kleinschmidt (im Volksmund auch „de Pief“ genannt, weil am Haus eine übergroße Pfeife als Hauszeichen hing), und das Haus mit der Nr. 4 des Herrn Wenge, wurden am 26. Januar 1887 niedergelegt. Das Haus mit der Nr. 6 des Gerichtsvollziehers Josef Kern folgte ein Jahr später. Erst zehn Jahre danach, 1897, wurde das Haus mit der Schuhwarenhandlung von Wilhelm Casper Cremers (Nr. 8) abgerissen.

Die beiden Häuser an der Südseite des Kirchenschiffes (im Bild nicht zu sehen) gehörten der Familie Kuhsel und waren die letzten Gedeme, die schließlich 1907 weichen mussten.

Im Haus mit der Nr. 6 wurde übrigens im April 1786 der spätere Notar und Justizrat Alexander Theodor Ahrweiler, als Sohn des Schuhmachers Josef Ahrweiler und seiner Mutter Margarete (geborene Stark), geboren. Der damalige Hühnermarkt wurde um 1881 nach diesem Notar und verdienstvollen Stifter des Stiftischen Gymnasiums in „Ahrweilerplatz“ umbenannt.“

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