Hürtgenwald: Ein Unfall und seine üblen Folgen

Hürtgenwald: Ein Unfall und seine üblen Folgen

Es ist für die Betroffenen ein Ereignis von einschneidender Bedeutung. Aber in den Tageszeitungen wird es routinemäßig nur kurz dargestellt: ein Unfall im Straßenverkehr. Der kann das Leben eines Menschen innerhalb von Sekunden von Grund auf verändern.

Erlebt hat das Regina Volk (54), die am 4. Juli diesen Jahres mit ihrem Auto verunglückte und für die seit jenem Tag fast nichts mehr so ist wie zuvor.

„Die verletzten Personen wurden in ein Krankenhaus gebracht”, heißt es in den Meldungen stets kurz und bündig. Und man ist geneigt zu denken: Dort wird ihnen geholfen und alles wird gut. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Regina Volk wohnt nur etwa 1000 Meter von der Stelle entfernt, an der sie im Juli mittags mit einem anderen Autofahrer zusammenkrachte. Der Unfall geschah auf der neuen Umgehungsstraße von Gey. Er ist Teil einer Serie, in die immer Einheimische verwickelt waren. Sie hatten sich nach Fertigstellung der Straße nicht schnell genug auf die neue Verkehrssituation umgestellt, vermutete die Polizei später. Doch die Situation ist noch immer gefährlich, sagt Regina Volk. Dort komme es zu vielen Beinah-Unfällen.

Auch im Rat der Gemeinde äußerten jüngst Politiker Bedenken: Man nahm sich vor, die Situation dort einmal mit Experten unter die Lupe zu nehmen. - Zurück zum Unfall, der hier beispielhaft aus der Sicht einer Beteiligten geschildert werden soll. Regina Volk hatte mittags ihre Arbeit beendet und war guter Dinge.

An der dritten Kreuzung (wenn man von Düren kommt) auf der Umgehungsstraße (B 399) sah sie einen Wagen und nahm an, der Fahrer werde das Stoppschild beachten. Er tat es nicht, und die Wagen „sind ungebremst ineinander gekracht”. Sie sei mit der Brust in das Lenkrad ihres Wagens geschleudert worden, sei „irgendwie” ausgestiegen und habe geschrien und geschrien, „weil ich keine Luft mehr bekam”.

Obwohl an den Rippen, an Bein und Fuß und besonders an der linken Hand verletzt, habe sie keine Schmerzen gespürt. Nur das Gefühl, regelrecht zu ersticken. Noch heute habe sie Herzklopfen bei einer Autofahrt, „vor allem, wenn ich jemand von rechts kommen sehe”. Unbeschwertes Autofahren - damit ist es vorerst vorbei.

Und nicht nur damit. Regina Volk wurde am 4. Juli ins Krankenhaus nach Lendersdorf gebracht. Dort nahm man sich der Fleischwunde am Bein an. Die Hand kam in Gips und heilte in den nächsten Wochen überhaupt nicht. Am 18. August, knapp sechs Wochen nach dem Unfall, wurde Frau Volk in Eschweiler, wo es eine exzellente Handchirurgie gibt, operiert.

Die Hand ist heute noch nicht funktionsfähig. Frau Volk kann nicht arbeiten, schon das Schuhe-Zubinden macht ihr Probleme und die Hausarbeit geht nur schwer voran. Sie ist seit dem Unfall krankgeschrieben. Die Hand schmerzt ständig, die Finger können nicht gestreckt werden.

Die Folgen eines Unfalls bedeuten für nicht wenige Menschen: Berufswechsel oder Arbeitslosigkeit. Die Krankenkasse zahlt nicht endlos, schließlich leben die Betroffenen von Hartz IV. Regina Volk nennt es „ein Glück”, dass der Unfallgegner versichert war und die Möglichkeit besteht, dass sie eines Tages zu ihrem Arbeitsplatz zurückkehren kann.

Hinzu kommt aber: Die 54-Jährige ist leidenschaftliche Motorradfahrerin, besitzt mehrere Maschinen und hat bis zu dem Unfall „jede freie Minute auf dem Motorrad verbracht”. In den Ferien unternahm sie mit dem Lebensgefährten weite und abenteuerliche Reisen, „wo wir das ganze Jahr draufhin lebten”. Mal ging es in die Türkei, mal nach Marokko.

Das alles ist nun vorbei. Über das Motorradfahren „laufen auch alle sozialen Kontakte”, erzählt sie traurig. Und man merkt, dass ihr die Fahrten mit dem Motorrad in mehrfacher Hinsicht fehlen. Sie kann am Motorrad die Kupplung nicht mehr bedienen. Und auch Reparaturen an den Maschinen nicht mehr ausführen.

Ein Teil ihres Lebens und ihrer Lebensfreude ist weg, vielleicht für immer. Die Ärzte reden von einem „bleibenden Schaden”. „Die Leichtigkeit des Lebens, ob die jemals wiederkommt?”, das fragt sie sich nun.

Die Polizei nennt die Kreuzung B399/K31 einen „Unfallhäufungspunkt”

Der Rat von Hürtgenwald hat sich bereits mehrfach mit der Gefährlichkeit der B399 befasst. In der jüngsten Sitzung haben die Politiker auf Antrag der SPD-Fraktion einstimmig beschlossen, den Landesbetrieb Straßenbau schriftlich auf die Gefährlichkeit der beiden Kreuzungen B399/K31 (Gey-Horm) und B399/K29 (Gey-Straß) hinzuweisen.

Man will erreichen, dass Kreisverkehre eingerichtet werden. Im Januar trifft sich Bürgermeister Axel Buch mit dem Leiter des Landesbetriebs und möchte auch da das Thema „Verbesserung der Verkehrssicherheit” an den beiden genannten Kreuzungen zur Sprache bringen.

Die Dürener Polizei bestätigt die Unfallhäufigkeit, wobei allerdings Beinahe-Unfälle in keiner Statistik vorkommen. Und es wird auch nicht bei jedem Blechschaden die Polizei gerufen. Seit 1. Oktober hat es laut Polizei auf der Kreuzung B399/K31, auf der auch Regina Volk verunfallte, immerhin zwei weitere Unfälle gegeben. Und zwar am 12. Oktober gegen 16.50 Uhr.

Ergebnis: drei Schwerverletzte. Sowie am 8. November um 11.40 Uhr, zwei Schwerverletze und zwei Leichtverletzte. Wie es denen derzeit geht, konnten die „DN” nicht in Erfahrung bringen.

Die Polizei hat, laut Sprecher Willi Jörres, die Kreuzung B399/K31 im ganzen Jahr beobachtet und sie als „Unfallhäufungspunkt” eingestuft. Das bedeutet, dass es dort viele Unfälle immer gleichen Typs gibt.

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