Düren: Ein Trampolin hilft bei der Suchtprävention

Düren: Ein Trampolin hilft bei der Suchtprävention

Felix M. wollte dazugehören. Seine Kumpel drängten ihn schon seit Wochen, endlich mal dabei zu sein, wenn sie einen drauf machen: Disco, Alkohol, später vielleicht einen Joint, das volle Programm. So war es vor Jahren.

Felix M. machte mit. Nicht nur einmal, immer wieder. Irgendwann konnte er nicht mehr ohne Alkohol und Drogen. Er war süchtig und musste behandelt werden.

Felix könnte auch Kevin oder Marvin heißen. Der Name ist austauschbar und steht nur für eine Gruppe von Jugendlichen, die wächst.

Das hat Antje Niedersteberg beobachtet. Die 47-Jährige ist seit Oktober Chefärztin für Suchtmedizin an der LVR-Klinik in Düren. Sie sagt, dass sich seit 2006 die Zahl der mit Alkoholvergiftungen in Kinderkliniken gebrachten jungen Menschen verdreifacht habe.

In geringerem Ausmaß gelte dies auch für den Cannabis-Konsum. „Natürlich bedeutet das nicht zwangsläufig eine Abhängigkeit”, sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Aber die Gefahr, in eine Sucht abzugleiten, steige natürlich.

Die Medizinerin behandelt in der Dürener Einrichtung zwar keine jugendlichen Abhängigen, aber dennoch beobachtet sie die Entwicklungen genau. Weil die ganz jungen Menschen später bei ihr landen können.

Mit jungen Menschen hat die Ärztin indes auf anderem Gebiet zu tun. Die Kölnerin hat sich vorgenommen, in Düren etwa die Prävention, als Vorbeugung, auszubauen: Dabei will sie unter anderem Kinder und Jugendliche aus Sucht-Familien erreichen und den Nachwuchs für die Erkrankung der Eltern sensibilisieren.

„Ich will ihnen die Krankheit erklären und zum Beispiel sagen, warum Vater oder Mutter nicht zum Elternsprechtag gehen konnten und wie sie als Kinder damit zurecht kommen können.” Antje Niedersteberg denkt daran, in Düren das in der Katholischen Fachhochschule Köln entwickelte „Trampolin”-Projekt (zur Stärkung von Kindern aus suchtbelasteten Familien) zu installieren.

Das hat sie schon früher an einer Klinik in Duisburg umgesetzt. Dahinter steckt gewissermaßen das Prinzip: Über Sprünge weiter zu kommen, sich etwas zu trauen, aber immer die Möglichkeit zu haben, aufgefangen zu werden.

30 Prozent der Kinder, die aus vorbelasteten Familien kommen, würden selbst suchtkrank, sagt Antje Niedersteberg. Den Jungen und Mädchen fehle in der Kindheit vielfach Zuneigung und Entwicklung von Selbstbewusstsein - oder sie erlebten das Gegenteil. Stichwort überverwöhnte Kinder.

Das sind Jungen und Mädchen, oft aus bürgerlichen Familien, „denen alles aus dem Weg geräumt wird, die sich nicht anstrengen müssen und dann irgendwann im Leben Probleme bekommen, normale Alltagsdinge zu erledigen”.

In ihrer Behandlung versucht die Fachärztin herauszuarbeiten, welche Fähigkeiten die Menschen mit Suchterkrankung haben, welche Ressourcen und welche weiteren Symptome oder Störungen sich hinter der Sucht verbergen. „Oft schauen viele Patienten nur darauf, was sie nicht können.” Das sei oftmals ein Problem, was mit zu der Entwicklung einer psychischen Erkrankung mit gleichzeitiger oder späterer Sucht führt.

Ausbauen will die neue Chefärztin die Zusammenarbeit mit örtlichen Einrichtungen, etwa Beratungsstellen. Das schon bestehende Netzwerk soll noch engmaschiger geknüpft werden.

Davon könnte Felix M. profitieren. Nach einer Therapie mit vielen Gesprächen und medikamentöser Behandlung in einer Spezialklinik hofft er, seine Sucht besiegen zu können. Ein langer Weg. In jedem Fall ein Weg, der zu gehen lohnt.

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