Niederzier: Ein Mahner in Zeiten der Krise

Niederzier: Ein Mahner in Zeiten der Krise

Martin Schulz ist ein Mann klarer Worte. „Europa befindet sich in einer tödlichen Bedrohung”, sagt er. Und: „Die Europäische Union befindet sich in einem katastrophalen Zustand.”

Der SPD-Politiker und Europaabgeordnete aus Alsdorf, der seit Januar diesen Jahres die Präsidentschaft des Europäischen Parlaments übernommen hat, wählt seine Worte mit Bedacht. Er ist natürlich nicht nach Niederzier gekommen, um das Ende der EU herbei zu reden. Im Gegenteil, Schulz möchte aufrütteln. In Zeiten der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise gilt es, die Bürger dafür zu sensibilisieren, was auf dem Spiel steht. Deshalb hält Schulz im Niederzierer Rathaus unter dem Motto „Europa - Herausforderungen im Zeichen der Krise” ein leidenschaftliches Plädoyer für die europäische Idee und den Euro.

Dabei hätte Schulz an diesem Sonntag eigentlich auf Zypern sein sollen. Er hat sich statt dessen dafür entschieden, nach Niederzier zu kommen. Weil er, wie er sagt, zu den Politikern gehöre, die nicht nein sagen könnten. Und weil den SPD-Politiker und Niederziers Bürgermeister Hermann Heuser ein wenig mehr verbindet als der gleiche Geburtsort und das gleiche Geburtsjahr. So hatte Heuser seinen Parteifreund Schulz vor einiger Zeit auf einer Veranstaltung spontan gefragt, ob er nicht einmal in seine Gemeinde kommen könne. Der Besuch von Schulz - ein Erfolg des kleinen Dienstwegs. Die Veranstaltung im Atrium der Wasserbug ist darüber hinaus auch ein Erfolg was die Besucherresonanz anbelangt: Rund 100 Niederzierer Bürger haben den Weg hierhin gefunden und lauschen begeistert den Worten von Schulz.

Der wiederum scheint es nicht zu bereuen, sich gegen Zypern entschieden zu haben. „Ich bin tief beeindruckt von dem Rathaus hier”, sagt er zu Beginn seines Vortrags. Der Politiker weiß, wie man sich Freunde macht: „Ich komme ja etwas herum und ich muss sagen, das Niederzierer Rathaus kann europaweit konkurrieren.” Dafür bekommt der überzeugte Europäer Schulz viel Applaus.

Beifall ist ihm auch für seine Ausführungen zur Lage der Europäischen Union sicher. „Es gibt Alternativen zur EU”, stellt Schulz fest. Nur seien diese eben schlechter. Stichwort Renationalisierung: „Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr solche, die der einzelne Nationalstaat bewältigen kann”, meint Schulz und betont die Bedeutung des europäischen Wirtschaftsraums: „Wir leben nicht mehr in einem Wettbewerb der Nationalökonomien untereinander. Wir leben in einem Wettbewerb der Wirtschaftsregionen.”

Deutschland sei vielleicht für Europa zu groß, für die Welt, so der SPD-Politiker, sei es aber definitiv zu klein. In diesem Zusammenhang hätte eine Abschaffung des Euro fatale Folgen für die deutsche Wirtschaft, da die D-Mark extrem aufgewertet werden würde. „Wenn der Euro scheitert, scheitert die Idee von Europa. Wir müssen begreifen: Entweder wir segeln zusammen, oder gehen einzeln unter.” Schulz plädiert für eine einheitliche Wirtschaftspolitik, für den Fiskalpakt, für die Schuldenbremse und eine europaweite Haushaltsdisziplin. Schließlich erinnert er an die düstere europäische Vergangenheit, in der nationalistische Gesinnungen zu Krieg und Leid geführt hatten: „Wir haben die Strukturen geändert, nicht die Menschen. Wenn wir die Strukturen zerschlagen, sind die Dämonen, die das 20. Jahrhundert beherrscht haben, ganz schnell wieder zurück.”

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