Das erste Mal im Karneval: Ein Journalist aus dem Irak in der „Hölle von Vettweiß“

Das erste Mal im Karneval : Ein Journalist aus dem Irak in der „Hölle von Vettweiß“

Wie wirkt der rheinische Karneval auf jemanden, der ihn zum ersten Mal erlebt? Ein irakischer Journalist hat es ausprobiert – und die legendäre erste Vettweißer Damensitzung besucht.

Am 10. Januar postet die Vettweißer Karnevalsgesellschaft auf ihrer Facebook-Seite ein Bild eines Saals. Er ist menschenleer, es gibt bunte Lichter, Stühle und Holztische. Auf dem Bild sah man auch das Zelt, auf dem stand: „Der Countdown läuft“. Einige Frauen notierten schnell das Zeichen „Tag“ für ihre Freundinnen und weitere schrieben Kommentare unter das Bild wie „bis morgen“. Offenbar warteten sie  schon sehnsüchtig auf die große Sitzung.

Vettweiß ist eine Karnevalshochburg, besonders was Feiern nur für Frauen angeht. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Im Irak gibt es keine Veranstaltungen, wo Menschen sich nur aus einem einzigen Grund treffen: um Spaß zu haben. Ich war gespannt, was mich am nächsten Tag in Vettweiß erwarten würde.

Jede Menge Spaß

Zuerst sah ich zwei ovale Zelte. Laute Musik dröhnte in dieser ruhigen Umgebung inmitten der Natur. Am Eingang wurden alle Handtaschen gründlich kontrolliert. Es war der gleiche Saal, der gestern noch menschenleer war, aber heute war er voll von Frauen. Frauen, die jede Menge Spaß hatten. Sie lachten, und ihre Körper waren bereit, zu feiern und zu tanzen. Sie lächelten vergnügt, als sie den Liedern lauschten. Für mich waren die Klänge total fremd. Aber die Melodien konnte man schnell mitsummen, im Takt wippen. Es war fröhliche Musik.

Jenny Kreitz erklärt Oma Al-Jaffal den Karnevalsorden. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Draußen war es bewölkt und grau. Es nieselte über den Häusern von Vettweiß. Im Zelt war es so, als ob Sommer wäre. Die Temperatur lag wahrscheinlich über 35 Grad. Die Frauen zogen ihre Mäntel aus, und gingen in sehr luftigen, bunten Kostümen ins Zelt.

In Köln wird schon seit dem Mittelalter Karneval gefeiert. Anfangs war er nur Männern vorbehalten, aber die Frauen erhoben Einwände und forderten das Recht, daran teilzunehmen. Später wurde ihnen gestattet, mitzufeiern, erzählte Peter Eversheim, Vorsitzender der Vettweiß KG.

In Vettweiß haben die Frauen längst bewiesen, dass sie besser Karneval feiern als die Männer. Oder wie kommt es sonst, dass es fünf Sitzungen mit 8500 Frauen und nur eine mit 1700 Männern gibt? „Wir könnten noch viel mehr Eintrittskarten für die Damensitzungen verkaufen“, sagt Peter Eversheim. „Aber schon jetzt müssen wir uns Urlaub nehmen, um alles vorzubereiten. Noch mehr Termine schaffen wir nicht.“

Für das Karnevalsgesellschaft ist das alles nicht einfach zu organisieren. Dreißig bis fünfzig Leute arbeiten jeden Tag ehrenamtlich im Zelt. Dazu kommen noch Kellner und die Leute vom Sicherheitsdienst, der Feuerwehr und die Sanitäter. Obwohl es also viel Stress und Anstrengung bedeutet, dafür zu sorgen, dass alles gut über die Bühne geht, sieht man überall nur fröhliche und zufriedene Gesichter.

Für mich war es wirklich eine andere Welt. Während ich im Saal meine Notizen in ein Notizbuch schrieb, scherzte eine junge Frau mit mir: „Sind Sie eine Frau?!“ Es war klar, dass ich nicht zu den freiwilligen Helfern im Saal gehörte. Ich trug auch nicht die passende Kleidung. Ihre Freundin antwortete: „Er hat einen Stift. Er ist bestimmt Journalist.“ Dann lachten wir zusammen. Die erste Frau sagte: „Ich finde Dein Kostüm komisch. Aber Journalist geht.“

Die Frage der jungen Frau war für sowohl überraschend, als auch humorvoll: Offenbar darf man auf einem Karnevalsfest jeden ansprechen und auch ein bisschen  ärgern. Man kann mit wildfremden Menschen zusammen lachen. Das ist schön. Aber es gibt auch Regeln. Niemand darf den Saal in Alltagskleidung betreten. Und Männer ohne Kostüm dürfen eigentlich überhaupt nicht rein. Man musste im Karnevalskostüm kommen.

Im Saal konnte man die verschiedenen Kostüme, die die Frauen trugensehen – schön, lustig, und traditionell. Es gab verschiedene Berufe zu sehen, aber auch Piraten, Clowns und sogar Einhörner. Es waren helle und abwechslungsreiche Farben, die der Feier eine freudige Atmosphäre verliehen.

Alle Generationen fühlten sich scheinbar von dem Vettweißer Angebot angesprochen. An einem Tisch saßen Frauen unterschiedlicher Alters, die mit den Gläsern anstießen, lachten, erzählten und mit dem Sänger sangen, der auf der gegenüberliegenden Bühne stand. Alle kannten alle Texte auswendig.

Ich war an diesem Abend der einzige, der durch die Ausgangstür ging. Der Eingang war von Frauen umzingelt. Ich glaube, dass der, der vorher eine Karte gekauft hatte, nicht auf so ein Fest verzichten würde, auch wenn das Wetter wolkig, kalt und regnerisch war. Karneval feiert man bei jedem Wetter.

Überall habe ich nur fröhliche Gesichter und viel Begeisterung bei den Besuchern gesehen. Die Tische sind voll mit Tellern und Gläsern. Viele Frauen haben das Essen zu Hause vorbereitet und mitgebracht, um es dann mit ihren Freundinnen an einem Tisch zu teilen. Die Kellner eilen von Tisch zu Tisch und servieren große Gläser Bier. Einige Frauen haben sich nicht nur mit Bier begnügt, sie tranken auch Hochprozentiges mit.

In Vettweiß treten täglich etwa acht Bands aus der Kölner Gegend auf. Die meisten Künstler, die in Vettweiß auftreten, sind Männer. Ich frage mich, warum es so wenig Frauen auf der Bühne gibt, wenn Frauen doch so gerne feiern. Die Frage kann mir keiner beantworten.

Eine Band verlässt die Bühne. Dann tritt eine neue Gruppe mit einem Sänger im Kostüm auf. Der Saal kocht: „Ist das die Hölle?“ und die Frauen schreien zusammen „Ja!“. „Wer war letztes Jahr hier?“, fragt der Sänger. Viele Frauen antworten wieder mit Jubel. Dann beginnt er mit einem Lied. Das Lied ist tosend und schnell, der Boden vibriert unter den Füßen der Tänzerinnen. Alle schwitzen im Saal von dem Beben und der Freude der Frauen. Es wird noch wärmer.

Keine Antwort

Peter Eversheim hat keine Antwort darauf, warum Frauen und Männer getrennt feiern. „Das hat sich so ergeben“, sagte er. Aber Jenny Kreitz, die Schriftführerin des Vettweißer KG sagte scherzhaft: „Frauen können sich besser amüsieren als Männer. Sie können Bier trinken und gleichzeitig genießen.“

(Übersetzt von Suleman Taufiq)

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