Düren: Ein Dürener deckt den Stammbaum auf

Düren : Ein Dürener deckt den Stammbaum auf

Das Telefon läutet. „Einen Moment”, sagt Lothar Müller-Westphal und hebt ab. Der Anrufer ist offenbar nicht mehr der allerjüngste, es gibt viel zu erklären und das Gespräch dauert länger als nur besagten Moment.

„Das kommt vor”, raunt Müller-Westphal, und läuft, das schwarze schnurlose Telefon ans Ohr gepresst, nervös im Arbeitszimmer auf und ab.

Lothar Müller-Westphal, 63, ist Heraldiker und Genealoge, und in der Tat ist es kein besonders Leichtes zu erklären, was genau es damit auf sich hat. Ein Heraldiker ist ein Wappenkundler, ein Genealoge ist ein Familien-, ein Ahnenforscher - grob gesprochen. Präziser ausgedrückt: Der Dürener Müller-Westphal ist nach eigenem Bekunden einer von „höchstens 15 Menschen in Deutschland,” die - auf seriöse Weise - Familienstammbäume zurückverfolgen können und anhand von Namen, Berufen und Herkunftsorten Familienwappen zu erstellen und zu zeichnen in der Lage sind.

Kunden aus Übersee

Seine Kundschaft kommt aus allen gesellschaftlichen Schichten, aus ganz Deutschland, manchmal gar aus Übersee. Überwiegend ältere Menschen oder Firmen; denn was er macht, sagt er, „ist Luxus; denn auch ohne Wappen lässt es sich prima Leben.” 1300 Euro kostet es, sich von Müller-Westphal ein Wappen handfertigen zu lassen - Ahnenforschung und Mehrwertsteuer exklusive.

Düren, Anfang der fünfziger Jahre: Weite Teile der Stadt sind immer noch nicht wieder aufgebaut. Das zerstörte Stadtbild, ein trauriges Relikt des Zweiten Weltkrieges. Inmitten der Schuttberge vergnügen sich junge Volksschüler. Ritterspiele, inspiriert vom US-amerikanischen Nachkriegskino. Einer von ihnen hat ein besonderes Talent zum Zeichnen, er wird die Schilde stolzer Ritter bemalen, die auf imaginären Pferden mit imaginären Heerscharen Burgen verteidigen. Trümmerburgen. Damals, als junger Ritter, hat Müller-Westphal seine ersten Wappen gezeichnet. Inzwischen sind es tausende, vielleicht zehntausende - irgendwann hat er aufgehört zu zählen.

Wappen für Heinemann

Mit 16 Jahren, 1957, hat er begonnen, sich ernsthaft mit Wappenkunde auseinanderzusetzen. In Büchern, in Archiven und auf Standesämtern, neben dem eigenen Schreibtisch seine primären Arbeitsplätze, verfolgte er zunächst die Geschichte der eigenen Familie zurück, später dann auch die anderer Leute.

1972 erregte er erstmals bundesweite Aufmerksamkeit, als er das Familienwappen für den damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann entwarf. Jahre später überarbeitete er das Wappen Richard von Weizsäckers, ebenfalls Bundespräsident. Seither gilt er als Experte, wird als Sachverständiger von Gerichten konsultiert und veröffentlicht Artikel in Fachzeitschriften. Sechsmal war er in Fernsehsendungen zu Gast, 15 Jahre arbeitete er an einem Buch über sämtliche Familienwappen im Dürener Stadtgebiet.

Schloss-Bibliothek

Sein Arbeitszimmer gleicht einem Antiquariat, einer Bibliothek: bis unter die Decke vollgestopft mit überwiegend älteren Büchern. Eine Zeile selbstgezeichneter Wappen und ein Ritterhelm, der Geruch des alten Papiers vermengt mit dem Duft von Pfeifentabak - eine Atmosphäre wie in einer Schloss-Bibliothek, die schweigend längst vergessenes Wissen birgt.

Lothar Müller-Westphal ist diplomierter Grafik-Designer, die Wappen- und Familienforschung betrieb er lange Zeit nur nebenbei. Mitte der achtziger Jahre machte er sein „Hobby zum Beruf” und dabei blieb es. So wird es bleiben, hofft er, „bis es nicht mehr geht”. Bis die Hand zu zittern beginnt oder die Sehstärke nachlässt.

„Man ist sparsamer geworden”

40 bis 50 Kunden, unter ihnen war vor einigen Jahren auch Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher, kommen jährlich noch zu ihm; seit der Euro-Einführung sind es „spürbar weniger geworden”, obwohl an „der Anzahl der Anfragen zu merken ist, dass sich die Menschen immer noch” für die Materie interessieren. „Man ist sparsamer geworden”, sagt er.

Im Moment arbeitet er an einem weiteren Buch. Natürlich geht es um Wappen. Und wenn er seine Recherchen so überblickt, langsam, fast bewundernd die Seiten des imposanten Konvoluts durchsieht, dann, möchte man meinen, bräuchte ihm um seine Zukunft nicht bange zu sein; denn wie schlecht die wirtschftliche Lage auch immer sein mag: Der Mensch bleibt doch eitel. Die potentielle Kundschaft dürfte gleichbleibend groß sein.

Mehr von Aachener Nachrichten