Dürener lebt seit 19 Jahren im Obdachlosenheim

Ein Leben im Mehrbettzimmer : Hans-Werner Kohl lebt seit 19 Jahren in der Notunterkunft

Hans-Werner Kohl aus Düren lebt seit 19 Jahren in der Obdachlosenunterkunft. Der 69-Jährige fühlt sich dort auch irgendwie wohl. Trotzdem wünscht er sich eine eigene Wohnung.

„Das ist hier mein Zuhause. Und ein Stück weit auch meine Familie.“ Hans-Werner Kohl aus Düren ist 69 Jahre alt, Rentner – und lebt seit 19 Jahren in der Notschlafstelle des Vereins „In Via“ an der Dechant-Bohnekamp-Straße in Düren. 19 Jahre in einem Mehrbettzimmer, 19 Jahre in einem Haus mit klaren Regeln.

„Verzichten – na und?“ heißt die Serie zur Fastenzeit unserer Zeitung. Und wenn man so will, ist das Leben von Hans-Werner Kohl von Verzicht geprägt – allerdings eher unfreiwillig. Nach der achten Klasse hat er eine Lehre zum Postbeamten gemacht und danach als Briefträger gearbeitet. „Irgendwann wollte ich weg“, erinnert sich Kohl. „Ich wollte zur See fahren.“ Kohl hat gekündigt und sich bei der Hapag Lloyd beworben. „Aber ich bin nicht genommen worden.“ Zurück zur Post konnte er nicht, von da an hat er im Garten- und Landschaftsbau gearbeitet. Manchmal selbstständig, manchmal angestellt. „Aber ich habe eigentlich kaum in die Rentenkasse eingezahlt.“

Kohl bezeichnet sich selbst als eigensinnig, als einer, der sich nicht gerne etwas vorschreiben lässt. „Ich bin einfach gerne mein eigener Herr.“ Kohl ist zurück zu seiner Mutter gegangen und hat sie bis zu ihrem Tod versorgt. „Als meine Mutter gestorben ist, bin ich in ein Loch gefallen. Das war wirklich schlimm. Die Wohnung war für mich allein zu groß. Irgendwann konnte ich die Miete nicht mehr zahlen. Und dann, aber das ist jetzt die Kurzfassung, kam die Zwangsräumung.“ Und mit ihr die Notschlafstelle. „Meine Geschwister haben mich nicht aufgenommen. Es gab nicht wirklich eine Alternative. Und in die Notschlafstelle gehen zu müssen, hat sich natürlich nicht gut angefühlt. Deswegen bin ich auch erst abends spät hin, kurz vor dem letzten möglichen Zeitpunkt.“

In der Notschlafstelle werden die Menschen von Colette Leber (v.l.), Stephan Backhaus und Jörg Schossig betreut. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Die Geschichte von Hans-Werner Kohl passiert so oder so ähnlich sehr oft. „Das Leben läuft nicht immer glatt“, sagt Sozialpädagoge Stephan Backhaus, der die Obdachlosenunterkunft leitet. „Davor ist keiner zu 100 Prozent gefeit.“

Anfangs hat Kohl in einem Fünf-Bett-Zimmer gelebt, heute ist er in einem Dreibett-Zimmer untergebracht. Einzelzimmer gibt es in der Notschlafstelle nicht. Auf Kohls Etage leben zehn Männer, diese zehn Personen teilen sich auch ein Badezimmer. „Privatsphäre ist oft ein Fremdwort“, sagt Kohl. „Aber man muss das positiv sehen. Wohnungslosigkeit bedeutet für die Leute in der Notschlafstelle eben auch Gemeinsamkeit. “ Und es bedeutet, Regeln einhalten zu müssen.

Alkohol und Drogen sind in der Unterkunft verboten, um 23 Uhr müssen die Leute spätestens im Haus sein, es gibt einen Putzdienst und die Küchenbenutzung ist nur bis 22 Uhr erlaubt. „Die Regeln sind manchmal schwer“, sagt Kohl. „Aber es leuchtet einfach ein, dass das Zusammenleben mit so vielen Menschen ohne Regeln nicht funktioniert.“

Kohl lebt von rund 400 Euro im Monat, 14 Euro muss er für die Unterbringung in der Notschlafstelle bezahlen. „Was mir bleibt, ist nicht viel“, sagt er. „Ich muss mich von dem Geld verpflegen, meinen Tabak bezahlen, Sachen wie Duschzeug und so.“ Trotzdem fühlt der Mann sich nicht benachteiligt, findet ein Leben in der Notschlafstelle nicht entwürdigend. „Ich leiste mir manchmal für zehn Euro irgendwo ein Mittagessen in einer Gaststätte“, sagt er. „Das brauche ich einfach.“ Genau wie ein Fahrrad, das ihm ein Stück Mobilität ermöglicht. „Ich habe lange gespart, um mir in der Sozialwerkstatt für 100 Euro ein neues Rad zu besorgen. Und das alte Rad möchte ich jemandem schenken, der es braucht.“

Man glaubt Hans-Werner Kohl, wenn er sagt, dass er mit seinem Leben zufrieden ist, wenn er erzählt, dass die Notschlafstelle und die Menschen, die dort leben beziehungsweise arbeiten, für ihn wie eine Art Familie sind. „Ich fühle mich angenommen und anerkannt“, sagt er. „Und trotzdem wünsche ich mir eine eigene Wohnung.“

Dass jemand wie Kohl 19 Jahre am Stück in der Notschlafstelle lebt, ist die Ausnahme. Trotzdem wird die durchschnittliche Verweildauer der Bewohner immer länger. „Obdachlos zu sein“, sagt Backhaus, „ist häufig wie ein Stigma, das man so schnell nicht mehr loslässt. Gerade auch bei Vermietern.“ Viele Wohnungsbesitzer, ergänzt der 56-Jährige, würden Obdachlosigkeit mit Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und Unzuverlässigkeit gleichsetzen. „Dem ist aber sehr häufig überhaupt nicht so.

Hinzu kommt, dass der Wohnungsmarkt auch in Düren im Augenblick wie leergefegt ist. Wohnungen für Alleinstehende gibt es kaum.“ Und das führt dazu, dass es Bewohner der Notschalfstelle gibt, die einer Vollzeit-Arbeit nachgehen. „Das ist keine Seltenheit“, sagt Backhaus. „Heute ist es leichter, eine Arbeit zu finden als eine Wohnung.“

Mehr von Aachener Nachrichten