Dürener Kinder spielen das Leben in einer Stadt

Wegen gestiegener Preise für das Essen : Der neue Bürgermeister steht unter Druck

Arbeiten, ausgeben, ansparen, abwägen! Wie im richtigen Leben müssen die Jungen und Mädchen aus Düren Kinderin der Spielestadt Düria Entscheidungen treffen und Konsequenzen aushalten.

Der Preis für das Essen ist von einem auf den anderen Tag von fünf auf zehn Düris erhöht worden. Die Beschwerden beim Bürgermeister häufen sich. Der ist zwar erst seit einem Tag im Amt, steht aber schon ganz schön unter Druck. „Bürgermeister zu sein ist richtig anstrengend“, sagt Noah Malinowski (11 Jahre). Gestern noch glücklich über die gewonnene Wahl, muss er heute vermitteln und viel Kritik einstecken. Da kann er froh sein, dass ihm die gestrigen Gegenkandidaten nun als Stadtrat zur Seite stehen.

Allen voran Mara Tischer (12), ihres Amtes stellvertretende Bürgermeisterin, die auch die Bürgersprechstunde organisiert. Aber auch David Surmann (13), Tobias Brühl (13) und Paul Greindl (10) unterstützen das Düria-Oberhaupt mit Rat und Tat.

„Den Kindern nahebringen, was es bedeutet, als erwachsener Mensch in dieser Welt zu bestehen“, beschreibt Betti Lenz, Mitorganisatorin der Kinderstadt, die Aufgabe von Düria. „Die Selbstständigkeit soll gefördert werden.“ Denn immerhin müssen die Kinder ihren Tagesablauf selbst strukturieren. Entscheiden, wann sie arbeiten und wann sie die Freizeitangebote genießen oder wann und was sie einkaufen. Das Geld muss erst einmal verdient werden.

Zum Beispiel an der Saftbar. Hier arbeiten bis zu acht Kinder gleichzeitig unter der Regie von Thomas Rey und drei weiteren Ehrenamtlern. Säfte, Smoothies, Milk-Shakes sind im Angebot. „Sehr beliebt ist der Kirsch-Milk-Shake mit einem Schuss Apfelsaft“, sagt Rey. Maja spült, Sara sammelt Gläser ein, Marc betätigt den Mixer.

An anderer Stelle ist eine „Apotheke“ untergebracht. Da, wo sonst die Zuschauer im Haus der Stadt ein Theaterstück auf der Bühne verfolgen, mischen Katja und Tuyba Kosmetika. Gerade ist Gesichtscreme in Produktion. Und Sophie Thum empfiehlt, noch ein bisschen Vitamin E hinzuzufügen. Auch Thum arbeitet ehrenamtlich. „Ohne unsere 40 Freiwilligen würde hier gar nichts laufen“, ist sich Betti Lenz sicher: „Ein großes Dankeschön an alle.“

Bürgermeister Noah Malinowski ist noch immer unter Druck. Mit der Sparkasse hat er gesprochen, mit dem Finanzamt auch. Die Gastronomie erweist sich als zäher Verhandlungspartner. Jeder Tag in der Kinderstadt wird mit einem kurzen Statement des Bürgermeisters eröffnet. Und bis morgen muss er eine Lösung für das Essens-Problem gefunden haben. Zumindest muss eine Diskussionsgrundlage stehen.

124 Kinder im Alter von acht bis 13 Jahren leben und arbeiten fünf Tage lang in Düria. Sie haben sich über die beteiligten Jugendeinrichtungen gemeldet oder sind einem Aufruf unserer Zeitung gefolgt. Eine Kinderstadt in diesem Ausmaß hat bisher nur einmal vor drei Jahren stattgefunden. Als Mini-Düria war die Stadt im vergangenen Jahr auf dem Abenteuerspielplatz zu Gast. Am Freitag endet die Aktion mit einem Stadtfest, zu dem auch Eltern und Freunde eingeladen sind. Eine Zirkusgruppe probt schon fleißig, eine Show-Tanzgruppe ebenso. Die „Angestellten“ der Kinderstadt bekommen pro Arbeitseinheit von 45 Minuten 15 Düris gezahlt. Ein Vormittag lässt zwei Arbeitseinheiten zu. Unbeliebte Aufgaben wie Spülen werden sogar mit 20 Düris honoriert. Auch nachmittags kann gearbeitet werden. Da ist aber auch das ansprechende Freizeitprogramm: Tonstudio, Billiard, Schönheitssalon, Fußball – und das kostet. Die Smoothies, Muffins, Armbänder, Lippenstifte und Blumengestecke kosten auch. Die Wirtschaft soll ja schließlich florieren.

Und da ist dann auch wieder die schwierige Aufgabe von Bürgermeister Noah. Die Gastronomie sagt: „Zehn Düris kann jeder für das Essen bezahlen, die Leute gehen schließlich arbeiten“. Aufgebrachte 'Bürgerinnen' sagen: „Hätte ich gewusst, dass das Essen so teuer wird, hätte ich vorher nicht soviel ausgegeben.“

Es gibt Diskussionen über Hartz-Düria. Und für Noah, der sechs Geschwister hat, steht fest: „Essen ist lebenswichtig. Und deswegen muss jeder Essen bekommen.“ Ein kurzfristig aufgestellter Sozialplan sorgt dafür, dass alle satt werden. Aber an einer dauerhaften Lösung muss noch gearbeitet werden.

„Die Strukturen von Verwaltung und Politik kennenlernen“, ist ein weiterer Punkt, den Koordinatorin Betti Lenz eingangs genannt hat. Noah und sein Stadtrat haben diesbezüglich einen ganz guten Einblick bekommen.

(wey)
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