Dürener Annakirmes und ausländische Mitarbeiter

Dürener Annakirmes : Wenn Mitarbeiter über Nacht verschwinden

An den Fahrgeschäften der Annakirmes wird meist rumänisch oder polnisch gesprochen. Deutsche Mitarbeiter findet man kaum, zu schwer die Auf- und Abbauarbeit, zu gering die Bezahlung. Und das bringt nicht nur sprachliche Probleme mit sich.

Eine leidvolle Erfahrung kannte Schaustellerin Claudia Dreher-Vespermann bislang jedoch nur vom Hörensagen ihrer Kollegen. Jetzt hat es auch sie erwischt. Anfang der Woche musste die Betreiberin des „Breakdancers“ morgens früh feststellen, dass sich drei ihrer sechs rumänischen Mitarbeiter mitten in der Nacht sang- und klanglos aus dem Staub gemacht hatten. Am Abend zuvor noch hatte die Bremerin ihnen den Monatslohn ausgezahlt, den die drei zum Teil am nächsten Morgen an ihre Familien in der Heimat überweisen wollten. Nichts deutete auf die abrupte Flucht hin.

Zweieinhalb Jahre waren die drei Rumänen Teil der „Breakdancer“-Familie, erhielten Mindestlohn plus Kost und Logis, Urlaub, um die Familie in der Heimat zu besuchen, und konnten das an Kirmestagen gut gefüllte Stundenkonto in Wochen ohne Veranstaltung abbauen. Von der in Rumänien alles andere als üblichen Krankenversicherung ganz zu schweigen. „Ich war regelrecht schockiert, als ich den leeren, wenn auch aufgeräumten Wohnwagen sah“, berichtet die Bremerin.

Denn ihr war klar: Mit den drei verbliebenen Angestellten, ebenfalls Rumänen, und den beiden extra für Düren angeheuerten Aushilfen, ist die Annakirmes mit ihren langen Öffnungszeiten kaum zu bewältigen und auch nicht der anstehende Wechsel von Düren zum „Öcher Bend“ in viereinhalb Tagen. „Dass ein Mitarbeiter geht oder gehen muss, kommt schon mal vor“, erzählt die Vollblutschaustellerin, „aber nicht drei auf einmal“. Kollegen, die ähnliches erlebt haben, mussten schon Plätze kurzfristig absagen.

Weil in jener Nacht auch rumänische Mitarbeiter anderer Schausteller auf der Annakirmes verschwanden, vermutet Claudia Dreher-Vespermann, dass sie abgeworben wurden, vielleicht von einem Betrieb in England, der sie sofort per Bus auf die Insel gebracht hat. Dort werde zwar besser bezahlt, räumt sie ein. „Dabei vergessen die meisten aber, dass sie für Wohnung, Essen und Krankenversicherung selber aufkommen müssen.“

Sei’s drum: Die Schaustel­lerin musste sich in Windeseile nach Ersatz umsehen. Sie rief einen Bekannten in Bremen an, der schon öfter beim „Breakdancer“ ausgeholfen hatte. Und einer der verbliebenen rumänischen Mitarbeiter kannte noch einen Landsmann, ein weiterer wird am heutigen Samstag direkt aus Rumänien in Düren erwartet. „Für die Busfahrt musste ich erst einmal 200 Euro überweisen. Ob ich ihn dann auch gebrauchen kann, muss sich aber erst noch herausstellen.“

Kaum Hoffnung

Damit wäre das Team prinzipiell wieder komplett. Zwar hängt auch das früher auf der Kirmes allerorten zu sehen Schild „Junge Leute zum Mitreisen gesucht“ noch an ihrem Fahrgeschäft, große Hoffnung, auf diese Art einen Mitarbeiter zu finden, hat sie aber nicht. Auch zum Auf- und Abbau finden sich kaum noch Hilfskräfte. Und wenn jemand anfragt, wolle er nicht selten „schwarz“ bezahlt werden. Für Claudia Dreher-Vespermann ist das jedoch keine Alternative. Denn auch die Schausteller werden regelmäßig vom Zoll überprüft. Erst am Donnerstag kontrollierten Beamte auf der Annakirmes, ob alle Mitarbeiter auch ordnungsgemäß angemeldet waren.

„Wenn das so weitergeht und die Schwierigkeiten mit den Mitarbeitern immer größer werden, werden die großen Betriebe auf der Reise immer weniger werden“, zeichnet die Bremerin ein düsteres Bild der Branche. Erste Fahrgeschäfte seien schon verkauft worden, andere werden mangels Mitarbeitern auch schon mal für ein halbes Jahr in einen Vergnügungspark verpachtet. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind die Indoorachterbahn „Höllenblitz“ oder die Achterbahn „Teststrecke“, die beide auch schon mal auf der Annakirmes standen.

Auch der Aachener Peter Loosen weiß, wie schwer es ist, zuverlässiges Personal zu finden. Ein Problem, das maßgeblich seine Entscheidung, einen neuen Autoscooter zu kaufen, beeinflusst hat. Denn das neue Geschäft, das 2020 ausgeliefert wird, kann er Dank modernster Hydrauliktechnik per Fernsteuerung quasi alleine auf- und abbauen. Angst, plötzlich ohne Mitarbeiter dazustehen und kurzfristig einen Platz absagen zu müssen, braucht er dann nicht mehr zu haben.