Düren: Düren wird älter und bunter. Was bedeutet das für die Stadt?

Düren: Düren wird älter und bunter. Was bedeutet das für die Stadt?

Können Sie sich vorstellen, was das Kanalsystem einer Stadt mit dem Thema Demografie zu tun hat? Berthold Becker kann. „Auch wenn die Zahl der Menschen in den nächsten 20, 30 Jahren deutlich abnehmen wird“, sagt der 60-Jährige, „müssen wir das Kanalsystem komplett aufrecht erhalten. Das kann zum Beispiel zu deutlich steigenden Abwassergebühren führen. Und auch damit müssen wir uns auseinandersetzen.“

Berthold Becker ist gelernter Sozialpädagoge, war mehr als 30 Jahre Abteilungsleiter im Jugendamt der Stadt Düren und ist seit knapp einem Jahr der erste Demografie-Beauftragte der Rurstadt. Natürlich ist das Kanalsystem nicht Beckers vorrangiges Problem, er will vielmehr mit dem Beispiel zeigen, wie vielschichtig das Thema Demografie ist.

Berthold Becker ist seit knapp einem Jahr Demografie-Beauftragter der Stadt Düren. Foto: Sandra Kinkel

„Viele Menschen verknüpfen den Begriff Demografie mit Senioren. Das ist natürlich falsch. Demografie bedeutet Bevölkerungsentwicklung. Und damit möchten wir uns mit den Bürgern auseinandersetzen.“ Deswegen lädt Becker zu einem Bürgerforum „Demografie“ ein.

Die Zahlen sind eindeutig: In 20 Jahren wird die Zahl der über 60-Jährigen um 34 Prozent steigen, die der über 80-Jährigen sogar um 44 Prozent. „Diese Zahlen sind verlässlich“, betont Becker, „weil sie auf Datenmaterial aus unserem eigenen Bürgeramt basieren. Aufgabe der Stadt ist es nun, sich darauf möglichst früh einzustellen.“

Dabei gehe es nicht darum, ein Schreckensszenario zu zeichnen. „Dass Menschen älter werden, bedeutet ja nicht, dass sie weniger aktiv und agil sind. Eher das Gegenteil ist der Fall. Es bedeutet aber, dass sie andere Bedürfnisse haben als junge Leute.“ Es sei zum Beispiel wichtig, ergänzt Becker, alternative Wohnformen zu entwickeln. „Familienstrukturen brechen immer häufiger weg. Deswegen müssen wir uns Gedanken machen, wie wir eine Sorgekultur entwickeln und Nachbarschaftshilfen etablieren können. Und an vielen Stellen in unserer Stadt passiert das ja auch schon.“

Neben den Bedürfnissen älterer Menschen will Becker sich auch damit auseinandersetzen, wie die Stadt für junge Familien attraktiv werden kann. „Da passiert ja in Sachen Wohngebiete und Kita-Beiträgen auch schon ganz viel. Aber es ist beispielsweise darüber hinaus denkbar, dass die Stadt die Vermittlungsarbeit übernimmt, wenn Ältere ihr zu groß gewordenes Haus an junge Familien übergeben möchten.“

Besonders wichtig ist Becker auch die Gruppe der 40- bis 55-Jährigen. „Es wird genau diese Gruppe sein“, sagt der Demografie-Experte, „die zahlenmäßig in den nächsten 20 Jahren sehr stark abnehmen wird. Gleichzeitig gehört sie aber zu den Hauptleistungsträgern der Gesellschaft. Sie kümmern sich um ihre Kinder und häufig auch um ihre Eltern. Gleichzeitig sind sie im Beruf stark eingespannt. Dieser Altersgruppe wird zu wenig Beachtung geschenkt.“

Auch Zuwanderung, ist der Fachmann überzeugt, könne eine echte Chance bedeuten. „Es wird mehr gestorben als geboren wird. Das ist auch in Düren so. Wenn es uns gelingt, die Menschen, die zu uns kommen, wirklich in unsere Gesellschaft zu integrieren, kann das helfen.“

„Eine echte Chance“

Für Berthold Becker ist die Ausein-andersetzung mit dem demografischen Wandel eine echte Chance. „Wir haben jetzt die Gelegenheit, unsere Zukunft selbst zu gestalten.“ Gleichwohl weiß er, dass Demografie auch ein „sperriges Thema“ ist. „Ich möchte versuchen, diese Problematik transparenter zu machen, damit die Bürger einen Zugang finden können.“

Bürgerbeteiligung ist das Stichwort: „Ich glaube, dass es entscheidend ist, die Menschen mitzunehmen. Und zwar junge und alte gleichermaßen.“ Es sei entscheidend, keiner Generation etwas überzustülpen. „Es muss einen echten Austausch auf Augenhöhe geben. Jeder hat etwas zu geben.“

Becker, der in regelmäßigem Austausch mit den Amtsleitern der Stadtverwaltung steht, glaubt, dass die Bereitschaft in Düren, die Zukunft aktiv zu gestalten und dafür Geld in die Hand zu nehmen, hoch ist. „Wobei ich davon überzeugt bin, dass das nicht unbedingt mit zusätzlichen Kosten verbunden ist.“

Vorhandenes Geld müsste vielmehr entsprechend eingesetzt werden. „Wenn wir uns mit Projekten des Masterplanes auseinandersetzen, sollten wir das auch unter Aspekten des demografischen Wandels tun. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir bei allen Entscheidungen auch deren Auswirkungen für die demografische Entwicklung im Blick haben müssen.“

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