Düren redet: Zuhör-Projekt vor der Christuskirche

Zuhör-Projekt : Eine ganz eigene Gesprächsqualität

Zwei Sanduhren, schwarz und rot, stehen nebeneinander auf dem Tisch. Während in der roten 30 Sekunden lang der Sand verrinnt, schweigen die fünf Personen, die rund um den Tisch sitzen. Danach werden sie, so lange in der schwarzen Uhr noch Sand in Bewegung ist, 20 Minuten lang über ein Thema reden.

Weil aber nicht das Reden, sondern das Zuhören im Mittelpunkt steht, heißt diese Aktion „Listening Project“ (Zuhör-Projekt) und ist überschrieben mit dem Titel: „Düren redet“. Denn genau darum geht es: Dürener sollen ins Gespräch kommen, sich mit Fremden austauschen, andere Pers­pektiven kennenlernen.

20 Minuten für jedes Thema

So haben sich auch am Montagabend, dem ersten von sieben Aktionstagen, fünf Personen getroffen, von denen bisher nur zwei miteinander zu tun hatten, der Rest kennt sich nicht. Jeder von ihnen hat ein Thema mitgebracht, dem die Gruppe je 20 Minuten Zeit widmet. Der Ort des Geschehens ist ein ungewöhnlicher: ein kleiner Wohnwagen, einseitig verglast, auf dem Platz vor der Christuskirche. Während dort noch der Sand der ersten 30 Sekunden verrinnt, in denen alle Schweigen, hört man nur die vorbeirauschenden Autos auf der Schenkelstraße.

Drinnen wird das erste Thema genannt: Ein Teilnehmer erzählt ein sehr persönliches Erlebnis – zu privat für die Zeitung. In dieser besonderen Atmosphäre des kleinen Wohnwagens spricht er zum ersten Mal darüber, ist gespannt auf die Reaktionen der anderen. Das Gespräch nimmt seinen Lauf, dabei halten sich alle an einige Spielregeln, die den Dialog, verglichen mit anderen Gesprächen, in ungewöhnliche Bahnen lenken: Alle reden der Reihe nach, niemand unterbricht sein Gegenüber, jeder hält sich möglichst kurz, es gibt keine guten oder schlechten Beiträge, kein richtig oder falsch. Das erste Gespräch läuft holprig. Vielleicht, weil sich alle noch in die neue Gesprächssituation einfinden müssen, vielleicht, weil manchen das erste Thema fremd ist. Fast scheint es, als würde der Sand zäh hinunter rinnen.

Auch keine leichte Kost, aber ein Thema, mit dem sich die meisten schon auseinandergesetzt haben, ist das, was die nächste Teilnehmerin einbringt: Organspende. Egal, ob feste Überzeugungen oder noch unschlüssige Überlegungen, jeder sagt frei heraus seine Meinung. Dabei wird die Unterhaltung – dafür, dass hier Fremde bei ihrer ersten Begegnung miteinander sprechen – überraschend persönlich. Schnell kommt das Gespräch auf Leben und Tod und damit auf teils intime Gefühlswelten. Mancher greift den Faden seines Vorredners auf, andere bringen wieder neue Aspekte ein. Der Sand scheint schneller zu verrinnen. Exakt 20 Minuten mit einem Thema zu füllen, wirkt trotzdem viel.

Weiter geht es mit dem dritten Thema: Nachhaltigkeit. Das Gespräch wird weit, reicht von internationalen Wirtschaftsunternehmen bis hin zu den eigenen Bemühungen im Alltag, nachhaltiger zu leben. Die Teilnehmer tauschen Meinungen, Erfahrungen und Argumente aus, sind einer Meinung, widersprechen oder ergänzen sich – aber immer brav der Reihe nach.

Lokalkolorit kommt mit dem vierten Thema in den Wohnwagen: „Bessermensch“, in Anlehnung an „Gutmensch“, hat jemand auf seine Themenkarte geschrieben und zieht den Bogen zum Hambacher Forst, zu Aktivisten, die für das scheinbar Gute mit schlechten Mitteln kämpfen. Gerade bei diesem Thema, bei dem manch einer mit lauterer Stimme spricht als zuvor, fällt es schwer, die Spielregeln im Blick zu halten. Einigen juckt es auf der Zunge, mit ihrer Meinung dazwischen zu grätschen, nachzuhaken, in eine Diskussion einzusteigen. Aber die vorgegebene Sprechreihenfolge zwingt zum Zuhören.

Weil es draußen immer dunkler wird, ist die große Scheibe des Wohnwagens immer weniger das Fenster zu Welt, als vielmehr ein Spiegel, in dem die eigenen Ansichten und die der Gesprächspartner reflektieren.

Besonders beim letzten Thema des Abends gehen die Meinungen auseinander: Impfpflicht. „Krankheiten müssen auch mal durchgestanden werden, dadurch wird der Körper stärker“, heißt es aus der einen Ecke. Aus der anderen kommt das Statement: „Wer gegen schlimme Krankheiten nicht geimpft ist, der sollte in öffentliche Gebäude gar nicht reingelassen werden.“ Wenn so unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallen, fällt das Ruhigbleiben und Zuhören manchmal sichtlich schwer, aber es gelingt.

Gespräch war „ein Lehrstück“

Nach 100 Minuten verlassen alle den Wohnwagen und ziehen ein positives Fazit. „Ich habe mich aufgehoben gefühlt“, sagt einer. Seine Sitznachbarin mag die Methode vor allem, um sich zu konzentrieren und kurz zu fassen. Für eine andere Teilnehmerin war es „ein Lehrstück“.

„Alle sind richtig bewegt, erfüllt, erstaunt – manchmal auch über sich selbst“, sagt der Kopf des Projektes, der Künstler Rudolf Giesselmann. Er möchte damit etwas anstoßen. Der Wohnwagen soll nur der Auftakt sein, weitere regelmäßige Veranstaltungen in diesem Format sollen folgen. Giesselmann möchte den Dürenern eine Gelegenheit geben, sich anderen mitzuteilen, ohne verurteilt zu werden. „Das ist eine Gegenbewegung zu Beschimpfungen und Hass“, ist der Hamburger überzeugt. Diese durch das Zuhören geprägte Gesprächskultur, wünscht er sich für seine Mitmenschen auch im Alltag. Einiges aus dem Wohnwagen könne man schließlich übertragen. „Es macht viel aus, dass es schön ist, dass man sich ordentlich hinsetzt, sich viel Zeit nimmt, zuhört und ausreden lässt. Man darf die kleinen Dinge nicht missachten“, sagt er lächelnd mit Blick auf den kleinen Wohnwagen, hinter dessen Scheibe für die nächste Gruppe die Sanduhr umgedreht wird.

Mehr von Aachener Nachrichten