Düren: Michael Kesseler mit Rennrad auf Jakobsweg

Erst Hirnblutung, dann Organspende : Ein Jahr nach der Transplantation mit dem Rennrad auf den Jakobsweg

Michael Kesseler erleidet 2016 ohne Anzeichen auf der Arbeit eine Hirnblutung. Danach liegt er im Koma und erkrankt 2017 schwer an der Leber. Dieses Jahr war sein Neustart im Leben.

Es ist gegen 9 Uhr am 25. Oktober 2016, als Michael Kesseler im Zellentrakt der Dürener Wache diesen Vernichtungsschmerz spürt. Der heute 41-jährige Kriminalpolizist bricht völlig zufällig und ohne vorherige Anzeichen mit einer Hirnblutung neben seinen Kollegen zusammen und fällt sechs Wochen ins Koma.

Er bezeichnet es als großes Glück, dass der Vorfall während der Arbeit passiert ist und nicht Tage vorher, als er mit seinen Kindern im Wald am Rursee war. Dort hätte er keine so schnelle Hilfe bekommen, was gleichbedeutend damit gewesen wäre, dass seine Geschichte heute nicht bei uns zu lesen wäre.

Sie handelt auch davon, dass er „einen hohen Preis dafür bezahlt hat“ überhaupt noch am Leben zu sein: nämlich mit einer Lebererkrankung, die so schwer war, dass er heute ein Spenderorgan hat. „Ich möchte den Impuls geben, dass sich viel mehr Leute Gedanken über Organspende machen“, betont Michael Kesseler.

Denn ohne seinen Spender hätte der gebürtige Dürener im Februar seine Arbeit bei der Polizei nicht wieder aufnehmen können, das Jahr 2018 war quasi sein Neustart im Leben. Der 41-Jährige gilt nach der Transplantation formal zwar als schwerbehindert, ist aber voll dienstfähig, und nur eine große Narbe auf der Bauchdecke deutet an, was er nach dem 25. Oktober 2016 durchgemacht hat.

„Nachdem ich aus dem Koma aufgeweckt worden war, dachte ich wegen der Schläuche in meinem Kopf erst, ich hatte einen Autounfall gehabt und meine Familie sei tot“, erzählt Kesseler, der zu jenem Zeitpunkt im Dezember 2016 Vater von zwei Söhnen war (heute elf und acht Jahre alt), die Geburt des dritten stand kurz bevor.

Der heute 41-jährige Kriminalpolizist gilt nach seiner Organtransplantation formal als schwerbehindert. Er arbeitet jedoch seit Beginn des Jahres Vollzeit, ist komplett dienstfähig, und auch sonst sieht man ihm die vielen Krankheiten der vergangenen zwei Jahre nicht an. Foto: ZVA/Carsten Rose

Die erlebte er am 11. Januar 2017 im Rollstuhl mit, denn er konnte kaum gehen, kaum sprechen, trug Windeln, weil während der Komaphase Komplikationen aufgetreten waren. Organversagen, Thrombosen und schwere Lungenentzündungen waren nur einige. „Das ist typisch für eine Intensivbehandlung mit starken Medikamenten nach einer Hirnblutung“, erklärt Kesseler. „Das Risiko für Infektionen ist sehr groß.“

Die schwere Lebererkrankung „Sekundär sklerosierende Cholangitis“ (SSC) war auch eine Folge. Sie wurde im März 2017 diagnostiziert, nachdem die Anzeichen im Januar begonnen hatten. Man spricht von SSC, wenn die Gallenwege vernarbt sind und die -flüssigkeit nicht aus der Leber abfließen kann. „Ich hatte ständig Blutvergiftungen, gelbe Haut, Juckreiz, eben alles, was bei einer kranken Leber auftritt“, erzählt Michael Kesseler. Dabei ist er auffällig gefasst und unaufgeregt. Darauf angesprochen sagt er, dass die Erfahrungen mit und nach den Krankheiten ihn so besonnen gemacht hätten.

Weil SSC weder heil- noch behandelbar ist, stand Michael Kesseler ab April 2017 auf der Liste für eine Lebertransplantation. „Ab Mai wusste ich dann, dass ich ohne Spenderorgan nur noch wenige Monate zu leben hätte.“ Gesagt habe ihm das so niemand, er habe es sich errechnet, weil Krankheitsverläufe mit einem Punktesystem dargestellt werden. Bei ihm waren es wenige Punkte.

Nun ist es so, dass jeder Körper anders auf Krankheiten reagiert, vor allem auf die schweren. Was Michael Kesseler erlitten hat, sieht man ihm äußerlich nicht an. Dass es ihm seit der Hirnblutung vor mehr als zwei Jahren heute so gut geht, liegt seiner Meinung nach auch daran, dass er 15 Jahre in der Rugby-Bundesliga gespielt hat.

Harter Sport auf höchstem Niveau, in dieser Zeit wog der über 1,90 Meter große Kesseler 110 Kilo. „Ich denke, mein Körper hatte dank des Sports genug Energie, um das Koma und die Komplikationen so zu überstehen“, sagt der 41-Jährige und betont, dass der Sport nicht Schuld an seiner Hirnblutung gewesen sei, er hatte keine Kopfverletzung.

Wenn er nicht gerade auf dem Rugby-Feld stand, war Michael Kesseler viel mit dem Rennrad unterwegs, sein zweites sportliches Hobby. Und weil der Körper für die Zeit nach einer Transplantation so fit wie möglich sein muss, damit keine weiteren Komplikationen auftreten, hat Kesseler ab April 2017 wieder in die Pedalen getreten, wenn er nicht im Aachener Klinikum lag, wo er etwa ein Drittel seiner Zeit verbrachte. „Ich habe bis aufs Letzte versucht, fit zu werden“, erzählt Kesseler. „Zwar war ich sehr langsam, aber ich habe immer 30 Kilometer am Tag geschafft.“

Seine Leberkrankheit machte sich aber weiter in Schüben bemerkbar. Kesseler ist mehrfach „völlig unangekündigt“ zusammengebrochen, bis „im Juni gar nichts mehr ging“ und er „nur noch Blutvergiftungen hatte“. Die Waage zeigte nur noch 74 Kilo an.

Der 28. Juni 2017 war dann der Tag, an dem Michael Kesseler für die Transplantation in den OP-Saal geschoben wurde, eine Stunde nach dem Anruf, dass es ein potenzielles Organ für ihn gebe. „Ich habe ganz laut geweint, wie ein kleines Kind, weil ich Angst hatte, dass ich das nicht überlebe“, erinnert er sich. Dass das potenzielle Organ auch wirklich transplantiert wird, entscheidet der Chirurg erst am OP-Tisch, wenn er es sieht. Bei dem für Michael Kessler gab es keine Bedenken.

Wer der Spender war, weiß er nicht und soll er auch nie erfahren. Er weiß nur, dass es ein toter Mehrfachspender war („Der Mann hat nicht nur mein Leben gerettet“), weil eine Lebendspende nahezu unmöglich gewesen sei. Da Kesseler ein kräftiger Mann ist, hätte der Spender bei mindestens 120 Kilogramm mindestens zwei Meter groß sein müssen, um die Transplantation auch nur ansatzweise problemlos zu überstehen.

Nach acht Stunden OP und 17 Tagen Aufenthalt verließ Michael Kesseler das Aachener Klinikum. Es folgten fünf Wochen Reha, in denen er bereits wieder 100 Kilometer auf dem Rennrad fuhr. Er kämpfte sich zurück ins Leben. Seitdem muss er zwar stark auf Ernährung und Hygiene achten, um Infektionen zu vermeiden. Aber er fühlt sich nicht schwer behindert und möchte auch nicht, dass andere ihn und Transplantierte generell als „bemitleidenswert“ ansehen.

Welche Energie Michael Kesseler wieder hat, zeigt sein Entschluss, sich auf den Tag genau ein Jahr nach der Transplantation auf den Jakobsweg zu machen – mit dem Rennrad. „Von meiner Haustür bis in die Pyrenäen habe ich 1700 Kilometer in 14 Tagen geschafft“, erzählt Kesseler. „Es war hart, und ich habe oft ans Aufgeben gedacht. Aber bei jedem Berg habe ich mir gedacht: ,Du hast schon Schlimmeres erlebt.’“ Dieser Satz begleite ihn genauso wie die täglichen Gedanken an seinen Spender. „Ich fühle mich, als wären wir zu zweit. Auf der Reise habe ich oft in der Wir-Form gesprochen.“

Als Michael Kesseler damals im Koma lag, hätte er bei schlechtem Ausgang selbst zum Spender werden können. „Aber meine Mutter hätte das nicht gewollt. Jetzt lebe ich Dank einer Spende, und meine Mutter denkt anders über das Thema.“

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