Digitale Arztpraxen gibt es in Düren schon seit 20 Jahren

Zwischen Genossenschaft und Milliardengeschäft im Gesundheitswesen : Digitale Arztpraxen gibt es in Düren schon seit 20 Jahren

Der „gelbe Zettel“, der die Arbeitsunfähigkeit attestiert, soll bald auf digitalem Wege an Krankenkassen und Arbeitgebern übermittelt werden. Dabei wäre schon viel mehr Digitalisierung im Gesundheitswesen möglich.

Als das Bundeskabinett am Mittwoch den Abschied vom „gelben Schein“ zur Krankmeldung von Arbeitnehmern beschloss, war das in allen Medien ein großes Thema. Dabei geht es hier um einen Digitalisierungsschritt, der ungefähr so spektakulär ist wie das Versenden einer E-Mail. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist allerdings ein sehr prominentes Beispiel aus dem deutschen Gesundheitswesen, dass es der „elektronischen Revolution“ hinterherhinkt. Das ist nicht überall so, zum Beispiel im Kreis Düren anders und hat ziemlich profane Gründe. Der Dürener Mediziner Wolfgang Deiters sagt unverblümt: „Es geht wirklich nur ums Geld.“

Deiters arbeitet noch als Hausarzt in der Praxis seiner Tochter, obwohl er sich „im Rentenalter“ befindet und ist seit Jahrzehnten in der Kassenärztlichen Vereinigung (KV-Kreisstelle Düren) und anderen Organisationen aktiv. Kenntnisse hat er auch aus seiner Zeit im EDV-Ausschuss der KV-Bundesvereinigung. Er sagt: „Wie vor 30 Jahren werden in Deutschland fast alle Krankenhausberichte und Facharztbefunde als Briefe per Post oder per Fax versendet.“ Und: „Das liegt nicht an der Technik.“ Vielmehr sei der Transfer von Daten und die Lizensierung der Kommunikation im geschützten Gesundheitsbereich „ein Milliardengeschäft, das sich die Industrie nicht entgehen lassen will“. Immer wieder würden neue Übertragungsstandards entwickelt. Die sind laut Wolfgang Deiters „nicht etwa besser oder sicherer, sondern einfach nur anders“.

Der „gelbe Zettel“, der die Arbeitsunfähigkeit attestiert, soll bald auf digitalem Wege an Krankenkassen und Arbeitgebern übermittelt werden. Dabei wäre schon viel mehr Digitalisierung im Gesundheitswesen möglich. Foto: dpa/Patrick Pleul

Dass es Alternativen gibt, wurde aus Sicht des Allgemeinmediziners bewiesen: und zwar zunächst in Düren, später im Kreis Düren und dann darüber hinaus. An der Rur hat vor fast 20 Jahren eine kleine ärztliche EDV-Arbeitsgemeinschaft modellhaft mit einem zertifizierten Übertragungsverfahren und elektronischer Signatur den digitalen Weg beschritten. Die 16 Ärzte und Praxen haben auf dieser Basis Überweisungen, Rezepte, Arztbriefe und Labordaten zwischen Krankenhäusern, Apotheken und vor allem Praxen ausgetauscht, erinnert sich Deiters. Das geschah auf der Basis einer Freeware – also einer kostenlosen Software –, die das Fraunhofer-Institut entwickelt hatte.

Diese Programme wurden laut Deiters von  der Kassenärztlichen Bundesvereinigung übernommen. Das Dürener Modell konnte stolz gleich mehreren Bundes- und Landesgesundheitsministern demonstriert werden. Ein bundesweiter Standard wurde daraus jedoch nicht. Und der Dürener Hausarzt findet eben keine andere Erklärung als die: „Jeder Anbieter versucht, die Politik und die Körperschaften von der Unverzichtbarkeit seiner eigenen neuen Lösung zu überzeugen, um den eigenen Profit exorbitant zu maximieren. Der Einfluss der Lobby grenzt zuweilen an Korruption.“

Einige Statements von Wolfgang Deiters sind auch in einem Offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu lesen, den der Mediziner als „frustrierter Hausarzt“ aus Düren auf den Weg gebracht hat. Denn in der Kreisstadt wurde in mehrfacher Hinsicht der Gegenbeweis angetreten, dass eine „Digitalisierung für alle“ schon lange mach- und auch bezahlbar ist. Aus der eingangs erwähnten EDV-Arbeitsgemeinschaft heraus entstand laut Wolfgang Deiters mit der „Duria eG“ ein genossenschaftliches Unternehmen, das die digitalen Dienstleistungen für viele Ärzte schon seit Jahren erbringt. Was mit 16 Medizinern anfing, wird unter dem alten lateinischen Namen für Düren inzwischen von rund 4000 genutzt. Eine Besonderheit ist laut Deiters, der Aufsichtsratsvorsitzender der Duria eG ist: „Wir arbeiten zum Selbstkostenpreis.“

Die digitale Verteilung von „gelben Zetteln“ ist im Kreis Düren auch schon länger Realität. Deiters: „Wir schicken das zu den Krankenkassen, die diese Möglichkeit einräumen.“ Das werden dann nach dem Kabinettsbeschluss künftig alle sein.

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