Düren: Die Zahl ist alamierend: 138 Fälle von Gewalt gegen Kinder

Düren : Die Zahl ist alamierend: 138 Fälle von Gewalt gegen Kinder

Die Zahlen sind alarmierend: Verzeichnete das Jugendamt der Stadt Düren im Jahr 2014 45 Fälle von häuslicher Gewalt und 105 Fälle von Kindesvernachlässigung, waren es im vergangenen Jahr 138 Fälle von Gewalt und 292 von Vernachlässigung. Und schon in den ersten fünf Monaten von 2018 mussten Mitarbeiter des Jugendamtes 180 Mal in Fällen von Kindeswohlgefährdung eingreifen.

89 Jungen und Mädchen sind derzeit in einem Kinderheim untergebracht, 109 in einer Pflegefamilie. Ansgar Kieven, Leiter des städtischen Jugendamtes, formuliert es so: „Die Zahlen nehmen jedes Jahr zu. Gewalt gegenüber Kindern ist Gegenstand der täglichen Arbeit — auch bei uns in Düren.“

Hinzu kommt, dass laut einer aktuellen Studie der Hochschule Koblenz viele Jugendämter in Deutschland ihren Aufgaben beim Kinderschutz nur unzureichend nachkommen können. Auf die rund 13 300 Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) kämen mehr als eine Million Fälle. Die meisten Sozialarbeiter betreuen laut der Studie zwischen 50 und 100 laufende Fälle — als angemessen gelten 35. „Diese Diskussion ist nicht neu“, sagt Ansgar Kieven, Leiter des Jugendamtes der Stadt Düren, das auch an der Studie teilgenommen hat. „Die führen wir schon seit Jahren. So angespannt, wie die Studie es schildert, ist die Situation bei uns nicht, auch wenn das Ergebnis der Untersuchung mich nicht überrascht.“

16 Mitarbeiter des Dürener Jugendamtes arbeiten im Bereich ASD. Im Schnitt, betont Kieven, hätte jeder deutlich weniger als 35 Fälle zu betreuen. „Es gibt im Augenblick zwei Mitarbeiter, die jeweils 41 Familien betreuen. Alle anderen haben deutlich weniger. Und man muss natürlich auch bedenken, dass die Fälle einen sehr unterschiedlichen Arbeitsaufwand haben.“

Einen deutlichen Anstieg der Fälle für die Mitarbeiter des ASD in den Bereichen Gewalt und Vernachlässigung bemerkt Kieven seit sechs Jahren. 2012 ist in Deutschland ein neues Kinderschutzgesetz verabschiedet worden. „Dieses Gesetz“, sagt Kieven, „hat die Jugendämter erheblich gestärkt, weil es unseren Handlungsspielraum deutlich erweitert hat.“ Gleichzeitig seien auch die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und die Sensibilität in Kindertagesstätten und Schulen deutlich gestiegen. „Wir erfahren von mehr Fällen“, sagt Kieven.

Zusammenarbeit mit den Eltern

Zwei der 16 Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes sind ständig in Bereitschaft, um bei Meldungen von Gewalt oder Kindeswohlgefährdung sofort eingreifen zu können. Kieven: „Die Mitarbeiter fahren zu den Familien, gucken sich alle Kinder, die in dem betroffenen Haushalt leben, sorgfältig an.“ Darüber hinaus würden Gespräche mit Nachbarn, Lehrern und Erziehern geführt. Die Ergebnisse der „Inaugenscheinnahme“, wie es offiziell heißt, werden genauestens dokumentiert. Dafür hat das Jugendamt der Stadt Düren spezielle Erhebungsbögen entwickelt, die den Mitarbeitern die Arbeit erleichtern sollen. Dabei werden Fragen nach Hygiene und Ordnung in den Wohnungen gestellt und solche nach gesundheitlicher und psychischer Verfassung des Kindes.

„Am Ende“, sagt Kieven, „steht immer die Frage, ob das Kind in der Familie bleiben kann, oder das Jugendamt seine staatliche Wächteraufgabe wahrnehmen und das Kind in einer stationären Einrichtung wie einem Kinderheim oder einer Pflegefamilie untergebracht werden muss.“ Oberstes Ziel, so Kieven, sei immer die Kooperation mit den Eltern. „Wann immer es geht, versuchen wir die Eltern so zu stärken, dass die Kinder in ihren Familien bleiben dürfen.“ 57 Familien in Düren nehmen derzeit sozialpädagogische Familienhilfe in Anspruch.

Kieven sagt ausdrücklich, dass die personelle Situation des Dürener Jugendamtes nicht schlecht ist. „Wir stoßen bei Politik und Verwaltungsspitze immer auf ein offenes Ohr.“ Bei er Flüchtlingskrise vor zweieinhalb Jahren, seien sofort zweieinhalb zusätzliche Stellen geschaffen worden, um die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zu betreuen. Was der Amtsleiter sich allerdings wünscht, ist eine bessere Ausbildung der jungen Kollegen. „Viele wissen nicht, was nach dem Studium auf sie zukommt und sind der psychischen Belastung in unserem Beruf nicht gewachsen. Die Bilder, die die Mitarbeiter des ASD oft sehen müssen, sind nicht immer einfach.

Wir haben damit zu kämpfen, dass viele junge Kollegen uns nach wenigen Monaten wieder verlassen. Wir brauchen einen eigenen Studienzweig im Fach ‚Soziale Arbeit‘, der für den Einsatz in einem Jugendamt ausbildet.“ Darüber hinaus ist Kieven davon überzeugt, dass der Bund stärker in die Ausstattung — personell wie finanziell — der Jugendämter investieren sollte. Kieven: „Bisher ist die Ausstattung der Jugendämter alleinige Aufgabe der Kommunen. Und diese Ausstattung unterscheidet sich von Jugendamt zu Jugendamt. Ich denke, dass der Bund sich mehr engagieren sollte und einheitliche Mindeststandards für die Jugendämter schaffen sollte.“

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