Zeitzeuge berichtet vom Tag nach der Pogromnacht in Düren: „Die Wirtelstraße war übersät mit Glasscherben“

Zeitzeuge berichtet vom Tag nach der Pogromnacht in Düren : „Die Wirtelstraße war übersät mit Glasscherben“

Heinz Doerges war zum Zeitpunkt der Reichspogromnacht neun Jahre alt. Er beschreibt, wie er den Tag danach erlebt hat. Der Autor wurde am 2. Dezember 1929 in Düren geboren und hat bis 2003 in der Rurstadt gelebt. Heute wohnt er in Dormagen.

„Es war der 10. November 1938. Vater und ich standen vor der alten Schmiede unseres Dorfes. Die kleine Synagoge gegenüber war verschwunden, an ihrer Stelle klägliche Reste des Mauerwerks, dazwischen die verbrannten, noch schwelenden Trümmer der eingestürzten Kuppel und des verbrannten Inventars, die Luft noch voller Brandgeruch. Mein Vater war erzürnt, sagte aber kein Wort. Neben uns standen andere Neugierige, die ihn hätten hören können. Wohl deshalb schwieg er.

Wir fuhren weiter ins Stadtzentrum, zur Wirtelstraße. Auch dort ein Bild des Grauens. Die Straße war übersät mit Glasscherben, mit den Trümmern von zerschlagenem Inventar und willkürlich zu Haus heraus geworfenen Gegenständen aus dem Inneren der Geschäfte, in den Hauseingängen standen Männer in Uniform – breitbeinig und mit Knüppeln bewaffnet. In den oberen Etagen hier und dort zurückgeschobene Gardinen und Blicke der dorthin geflüchteten Bewohner. Mein Vater konnte seinen Zorn nicht mehr beherrschen. „Da drüben stehen die Täter. Sieh’ sie Dir an“, sagte er.

Ich schaute ängstlich zur Seite, zu den Leuten neben mir. Sie hatten Vaters Bemerkung offenbar nicht gehört; auch sie wirkten betroffen, sprachen kaum miteinander.“

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