Die Rurstadt wird zum olympischen Dorf

Deutsch-Französischer Jugendkongress : Die Rurstadt wird zum olympischen Dorf

Auf dem Gehweg vor dem Burgau-Gymnasium liefen gestern Vormittag Schüler mit verbundenen Augen und versuchten sich am Umgang mit einem Blindenstock, aus einem der Zelte auf dem Schulhof erklang Trommelmusik und vom Sportplatz kamen zwei ehemalige Profis der Fußball-Bundesliga, die mit Schülern gekickt haben.

Die Projekte des Deutsch-Französischen Jugendkongresses, an dem 800 Schüler von mehr als 40 Schulen teilnehmen, sind zwar über den ganzen Kreis Düren und darüber hinaus verteilt, aber das Epizentrum ist der Schulhof des gastgebenden Burgau-Gymnasiums. Hier herrscht Ausnahmezustand – ein wohl organisierter, kreativer, sportlicher, gesellschaftskritischer, europa-enthusiastischer und vor allem bilingualer Ausnahmezustand.

Während gestern im Eingangsbereich der Schule der Duft des Mittagessens in der Luft lag, roch es im Keller weniger appetitlich. Hier machten sich die 25 Schüler zu schaffen, die glücklich waren, einen Platz im mit rund 120 Anmeldungen beliebtesten Workshop ergattert zu haben. Sie schaffen ein bleibendes Andenken an den Jugendkongress in Form eines Graffitikunstwerkes. Dabei sei ihnen wichtig gewesen, keine deutsch-französischen Klischees zu bedienen, erzählte Kunstlehrerin Julia Boyne. Mit einem Augenzwinkern haben es zwar eine deutsche Bratwurst und ein Frosch als französische Delikatesse aufs Bild geschafft, den meisten Platz auf der Wand nehmen aber zwei Banner ein: In Erinnerung an die vorgeführten Lieder bei der Auftaktveranstaltung des Jugendkongresses steht auf dem einen „Aux Champs Elysées“ und auf dem anderen „Ein Hoch auf uns“.

Manche Schüler aus Deutschland und Frankreich widmeten sich in dieser Woche ganz dem Ballsport. Foto: ZVA/Anne Schröer

Während die Schüler im Keller den beißenden Geruch der Sprühdosen in der Nase hatten, roch es ein paar Etagen weiter oben in den Biologieräumen umso besser: Eine Gruppe, die sich dieser Tage mit der Vermeidung von Plastikmüll beschäftigte, hat eigene Seifen, Deos und Waschmittel hergestellt. Auch Bienenwachstücher, als umweltfreundliche Alternative zur Frischhaltefolie, entstanden unter den Augen von Biologielehrerin Kirsten Anders. Sie war überrascht, wie viel Vorwissen aus dem Bereich des Umweltschutzes und der Plastikvermeidung die Schüler bereits mitbrachten. „Die Teilnehmer sind auch unglaublich motiviert“, lobte Anders und freute sich, mit dem Angebot des Workshops den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

Gleiches gilt auch für Referendarin Gamze Vatanci. Ihrer Einladung waren 25 Schüler gefolgt, die sich während des Kongresses ganz dem Thema „LGBTQ-Bewegungen in Deutschland und Frankreich“ gewidmet haben. Hinter dem englischen Begriff steckt eine Gemeinschaft von Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, queer, intersexuell oder asexuell sind. „Unser Ziel ist es, Sichtbarkeit für die „LGBTQ-Community“ zu schaffen, weil das auch die Lebenswelt der jungen Menschen ist“, erklärte Gamze Vatanci. Sie schätzt, dass etwa die Hälfte der Workshopteilnehmer selbst in der Community ist. Ihnen war besonders daran gelegen, andere Community-Mitglieder kennenzulernen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Bei der heutigen Abschlussveranstaltung wollen sie mit Schülern ins Gespräch kommen, die von LGBTQ noch nicht gehört haben und sie sensibilisieren.

Auch die „LGBTQ-Community“ war Thema eines Projektes. Foto: ZVA/Anne Schröer

Einen ganz anderen Schwerpunkt wählten die Teilnehmer in der Sporthalle: Eine Gruppe von Schülern aus Deutschland und Frankreich hat sich ganz dem Ballsport verschrieben. Als Übersetzungshilfe war Lehrer Jan Bahr aus Château-Thierry mit dabei, kam aber erfreulich selten zum Einsatz. Er ist begeistert von der Stimmung beim Jugendkongress. Bei anderen Veranstaltungen, wie Debattierwettbewerben, herrsche oft ein Konkurrenzkampf zwischen den Schülern. „Aber hier geht man einfach offen auf jeden zu.“ Da Düren nicht so groß sei, treffe man auch unterwegs häufig auf andere Teilnehmer. „Das ist hier ein bisschen wie im olympischen Dorf“, sagte er augenzwinkernd. Dieses Gefühl dürfte heute noch mal besonders intensiv zu spüren sein, wenn um 17 Uhr in der Arena Kreis Düren die Abschlussveranstaltung beginnt.

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