Düren: Die Mauer, die Menschen und ihre Stadt zusammengefasst auf 580 Seiten

Düren : Die Mauer, die Menschen und ihre Stadt zusammengefasst auf 580 Seiten

Dr. Achim Jaeger ringt leicht um Fassung, grinst, und weiß gar nicht, wo er anfangen soll. Wie, bitteschön, kann man 580 Seiten über alte Steine schreiben? Jaeger kann das und hätte vermutlich noch viel mehr über die alten Steine schreiben können, als er es in seinem neuen Buch „Rund um die Dürener Stadtmauer in Wort und Bild“ so umfassend getan hat.

Wäre die Stadtmauer lebendig, könnte man vielleicht von einer Romanze sprechen. 2004 fängt Jaeger am Stiftischen Gymnasium an. Er ist Lehrer, das Mittelalter war ein Schwerpunkt seiner Ausbildung. „Es ist ein Privileg, als Geschichtslehrer an so einem Ort arbeiten zu dürfen“, sagt er. Kein Wunder, befinden sich doch der Dicke Turm, der Grönjansturm und Reste der alten Stadtmauer auf dem Schulgelände. Es ist wie eine Liebe auf den ersten Blick. Mit einer Kollegin gründet der Geschichtslehrer die Stadtmauer-AG an der Schule und forscht mit seinen Schülern.

Den Reiz dieser Mauer macht für Jaeger aber noch etwas anderes aus: „Es ist das älteste Kulturdenkmal, das es im Stadtbereich noch gibt — was den meisten Dürenern aber gar nicht bewusst ist und über das man vieles gar nicht weiß“, sagt Jaeger. Ein Lese- und Bilderbuch wollte er schreiben und hat sich dabei gleich von mehreren Seiten dem Bauwerk genähert. Natürlich klärt er die Frage, wo überall in Düren noch Reste der Mauer zu finden sind, er zeigt die geschichtlichen Fakten auf, er bietet einen Rundgang an.

Jaeger geht aber auch ganz anderen Fragen nach, betrachtet die Mauer als Erinnerungsort, fragt, was die Menschen mit der Mauer zu tun haben, welchen Widerhall sie in der Literatur und der Kunst gefunden hat. Oder beschreibt, wie sie instrumentalisiert wurde — beispielsweise in den 1930er Jahren, als Düren wieder Garnisonsstadt wurde, die „regionale Geschichte vereinnahmt wurde und es parallel ein großes Engagement gab, Dinge zu bewahren — aber eben unter ideologischen Prämissen“, wie er sagt.

Jaeger hat eng mit dem Hoeschmuseum zusammengearbeitet, natürlich mit dem Stadtmuseum, dem Stadt- und Kreisarchiv, aber auch vielen Privatleuten, die ihm Material für sein Buch zur Verfügung gestellt haben. Fast sieben Jahre hat er an dem Buch geschrieben, immer wieder neues Material entdeckt.

Auf viele Fragen konnte Jaeger keine Antworten finden. Warum steht die Mauer überhaupt da, wo sie steht oder stand? Wer hat sie gebaut? Und wann? „Aus der Zeit vor dem großen Stadtbrand 1543 wird es schwierig, Dokumente zu finden“, erklärt Jaeger, der dazu eine amüsante Anekdote parat hat: „Im 19. Jahrhundert wollten die Dürener möglichst römische Ursprünge für ihre Stadtmauer finden, um mit den Nachbarstädten gleichziehen zu können. Sie dürfte aber eher fränkischen Ursprungs sein.“ Erst Anfang des 13. Jahrhunderts wurden Städte wie Köln und Aachen befestigt. „Da ist ein früheres Datum für Düren unwahrscheinlich“, vermutet Jaeger.

Der Geschichtslehrer taucht tief in die Materie ein, hinterfragt den Begriff der Stadt, zeigt die ein- aber auch ausgrenzende Funktion einer Stadtmauer auf. Oder er widmet sich den Plänen von Wenzel Hollar, der 1634 den ersten vollständigen Plan der Stadt gezeichnet hat. Jaeger greift auf das Skizzenbuch zurück, untersucht diese Darstellungen wissenschaftlich, beleuchtet die jeweils gewählten Perspektiven und Ausschnitte.

Er stellt vor allem ungewöhnliche Fragen. So gibt es zum Beispiel viele gemalte Ansichten der Stadttore auf Postkarten. Aber auf welchen Vorlagen beruhten diese Ansichten eigentlich? „Wenn die Quellen schweigen, muss man Glück haben oder Fragen stellen“, sagt Jaeger. Er stellt sehr viele Fragen. Einen Teil kann er beantworten. Zum Beispiel, wo sich die Steine vom alten Stadttheater heute wiederfinden, wie der Pletzerturm früher von innen ausgestattet war und natürlich noch viele mehr.

„Das Buch soll ein Angebot sein, die Stadtmauer wieder bewusster wahrzunehmen“, sagt Jaeger und kommt ganz zum Schluss zur Eingangsfrage zurück: Wie kann man 580 Seiten über alte Steine schreiben? „Es sind eben nicht nur die Steine, sondern die Menschen und das Leben in der Stadt. Wenn die Menschen eine Stadt nicht mit Leben füllen, wird es nie eine Stadt“, sagt er. Ihm gelingt es mit dem Buch, die Geschichte der Stadtmauer wieder lebendig werden zu lassen. Dr. Achim Jaeger: Rund um die Dürener Stadtmauer in Wort und Bild, 580 Seiten, Verlag Hahne & Schloemer, 29,50 Euro, ISBN 978-3-942513-30-2.