Die lange Nacht der Industrie

Die lange Nacht der Industrie : Sand ist nicht gleich Sand

„Wir machen aus Sand anderen Sand“, erklärte Dr. Carsten Sowa von Grace Silicia vor der ersten Werksführung der „Langen Nacht der Industrie“. Tatsächlich war das Ganze noch ein wenig komplizierter, wie die Besucher auf der folgenden Tour aus der Nähe erfahren konnten.

Das Chemieunternehmen war eines von sechs Dürener Betrieben, die in diesem Jahr ihre Türen für rund 300 Besucher öffneten.

Viele Gäste wie Ursula Lorke aus Eschweiler über Feld und ihr Mann waren nicht zum ersten Mal dabei: „Wir gehen bereits zum dritten Mal mit und sind bisher nicht enttäuscht worden“, sagte die 60-Jährige. „Es ist sehr interessant, die Firmen einmal von innen zu sehen, dazu hat man schließlich sonst keine Gelegenheit.“

Deutschlandweit besuchten im Rahmen der „Langen Nacht der Industrie“ rund 70000 Teilnehmer 635 Unternehmen aus zwölf Regionen. Die Aktion wurde 2005 in Hamburg ins Leben gerufen, um einen Blick hinter die Kulissen der lokalen Industrie zu ermöglichen. Den Unternehmen bietet dies eine Chance, sich zu präsentieren, während die Besucher mehr über die Industriestandorte und die Produkte, die direkt in ihrer Nachbarschaft hergestellt werden, erfahren können.

„Wir möchten vor allem mehr Akzeptanz und Verständnis für das produzierende Gewerbe erreichen“, sagte Michael Linn von der Wirtschaftsförderung der Stadt Düren, der selbst eine Tour begleitete. „Die Industrie ist nichts Schlechtes, und diese Aktion gibt den Dürener Unternehmen die Chance, sich zu zeigen und im Austausch mit dem Bürger zu stehen.“ Auf den verschiedenen Touren wurden jeweils zwei Unternehmen angefahren, in denen dann eine etwa zweistündige Werksführung angeboten wurde. So auch bei „Grace Silicia“.

Zwischen Autos und Lackier-Kabine erklärt Rainer Pick, wie die Aufbereitung der Fahrzeuge bei Hapitec funktioniert. Foto: Kim Statzner

Ausgestattet mit Helm, Schutzbrille und Warnweste folgten die Gäste in kleinen Gruppen dem Weg des Sandes durch die Hallen im Industriepark in Niederau. In einem Hochleistungsofen werden dort Sand und Kalk bei 1400 Grad geschmolzen und zu dem sogenannten Wasserglas, einer Flüssigkeit, die tatsächlich aussieht wie reines Wasser, umgewandelt. Trinken sollte man die alkalische Substanz aber lieber nicht, wie Guide Georg Kühn erklärte.

Das Wasserglas wird dann mit Schwefelsäure versetzt und wird wiederum fest: Aus Sand wurde also tatsächlich gewissermaßen Sand. Je nachdem, welche spezifischen Eigenschaften das Endprodukt haben soll, wird es anders behandelt, und so einstehen gefällte Kieselsäure, Aluminiumsilikate und Aluminiumsulfat-Lösungen in verschiedenen Stärken. Diese Produkte finden sich dann in alltäglichen Artikeln wie Zahnpasta, Salz oder sogar Autoreifen wieder. „Für mich war Sand immer nur Sand“, lachte Ursula Lorke nach der Führung. „Jetzt habe ich ein ganz anderes Verständnis dafür. Es war sehr interessant.“

Etwas verschwitzt nach der Hitze des beeindruckenden Ofens ging es für die Gruppe der Tour 55 dann weiter zu „Hapitec“ in Düren. Dort gab es ganz andere Schätze zu begutachten, denn das Unternehmen repariert und restauriert Fahrzeugflotten von großen Unternehmen und Autovermietern sowie Oldtimer aus ganz Europa von der reinen Karosserie bis zum kleinsten Detail des Motors oder des Innenlebens.

Chef Rainer Pick führte die Gruppe durch die Hallen auf dem Gelände der ehemaligen Kaserne und gab einen Einblick in die Arbeit von Lackierern oder den so genannten Dellen-Doktoren. Einer von ihnen ist Peer Steinhorst. Er beschäftigt er sich mit allem vom Hagelschaden bis hin zur Parkdelle – solange der Lack nicht beschädigt ist, kann er die Dellen ausbügeln.

„Was ich mache, ist kein Lehrberuf“, erklärt er den interessierten Gästen. „Es braucht sehr viel Geduld und Übung, um die Technik zu meistern. Ich habe fast eineinhalb Jahre gebraucht, bis ich soweit war.“ Mit Hilfe einer speziellen Lampe, Augenmaß und viel Ruhe zeigte er den Gästen, wie das „entdellen“ funktioniert.

Besonders die Oldtimer in der Halle zogen bewundernde Blicke auf sich. Für Fabian Nolten war gerade diese Führung hoch interessant, denn der 19-Jährige und seine Mutter Anja versuchen sich zu Hause selbst an der Restaurierung eines Oldtimers. „Die Wagen sind ziemlich eindrucksvoll“, sagte er. „Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, einmal die Arbeitsschritte und die Autos selbst zu sehen.“ Auch im nächsten Jahr wollen beiden wieder dabei sein.

Auf weiteren Führungen wurden bei der „Langen Nacht der Industrie“ außerdem Einblicke in die Hallen von CMC Technologies In Birkesdorf, Andritz Kufferath in Mariaweiler, Kanzan Spezialpapiere und Rössler Papier in Düren gegeben. Das Fazit im Bus auf der Rückfahrt war klar: Im nächsten Jahr möchte man wieder teilnehmen und noch weitere Unternehmen unter die Lupe nehmen.