Arbeitsgruppe Grenzland: Die Geschichte der Väter und Großväter

Arbeitsgruppe Grenzland : Die Geschichte der Väter und Großväter

Die Arbeitsgruppe Grenzland 1944/1945 organisiert Treffen für Angehörige amerikanischer und deutscher Soldaten. Ihnen ginge es dabei nach eigener Aussage nicht um Kriegsverherrlichung, sondern im Gegenteil um die Wertschätzung des heutigen Friedens.

Die Geschichte ihres Großonkels hat Maren Esser nie losgelassen. „Er war der jüngste Bruder meiner Oma“, erzählt sie. „Und er ist als junger Soldat in seinem Elternhaus in Langerwehe gefallen. In dem Haus, in dem er geboren wurde.“ Dass das Schicksal ihres Großvaters nicht in Vergessenheit gerät, war einer der Beweggründe der 40-Jährigen, sich bei der Arbeitsgemeinschaft Grenzland 1944/45 zu engagieren. Vor sechs Jahren hat der Meroder Ortsvorsteher Albert Trostorf (55), der sich bereits seit mehr als 40 Jahren intensiv mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges beschäftigt, gegründet. Jedes Jahr organisieren die Verantwortlichen der Arbeitsgemeinschaft ein Treffen mit Kindern und Enkelkindern deutscher und amerikanischer Soldaten, die die Kriegsstätten ihrer Väter und Großväter in der Region Düren besuchen wollen. in diesem Jahr haben 120 Personen an dem sechstägigen Treffen teilgenommen. Auch ein deutscher und zwei amerikanische Kriegsveteranen waren angereist: Rudi Porsche (94) aus Frankfurt sowie Paul Schumacher (96) und Jack Dauners (95) aus den USA.

Interesse geweckt

„Ich habe vor 40 Jahren zufällig meinen ersten amerikanischen Veteranen kennengelernt“; sagt Albert Trostorf. „Der hat uns regelmäßig besucht und auch meine Adresse an andere Veteranen weitergegeben.“ Er sei schon vorher geschichtlich sehr interessiert gewesen. „Ich glaube, das lag auch daran, dass mein Vater nie über die Zeit des Krieges sprechen wollte. Das hat mein Interesse noch mehr geweckt.“ Er habe mittlerweile in den USA, ergänzt Trostorf, einen gewissen Bekanntheistgrad erreicht. „Zumindest bei den Kriegsveteranen und deren Kindern. Ich bekomme jedes Jahr mehrere Anfragen von Kindern und Enkeln der Veteranen, die nach Deutschland kommen wollen. So ist auch die Idee zur Arbeitsgemeinschaft Grenzland und den jährlichen Treffen entstanden.“

Beim ersten Treffen vor fünf Jahren haben 30 Menschen teilgenommen, diesmal waren es viermal so viele. Esser: „Es sind mittlerweile nicht mehr nur Angehörige von Soldaten. Es sind Leute, die sich für das Kriegsgeschehen interessieren.“ Die Teilnehmer kommen aus Deutschland, den USA, den Niederlanden und Dänemark, auch eine Inderin und eine Ghanaerin waren diesmal mit von der Partie. „In erster Linie geht es natürlich um einen Erfahrungsaustausch“, sagt Esser. „Die meisten haben von ihren Eltern nur wenig über den Krieg erfahren, aber sie wollen wissen, warum ihr Vater beispielsweise traumatisiert war oder schlimme Alpträume hatte.“ Wieder andere seien einfach nur geschichtsinteressiert. „Sie suchen den direkten Zugang, zu dem, was vor rund 70 Jahren passiert ist. Und den finden sie bei uns.“ Albert Trostorf ergänzt: „Es kommen auch amerikanische Soldaten zu uns, deren Väter im Zweiten Weltkrieg im Hürtgenwald gekämpft haben, und die selbst in Vietnam oder im Irak eingesetzt waren.“ Die Teilnehmer besuchten den Hürtgenwald, sie fahren aber auch nach Aachen, Belgien und in die Niederlande und gedachten aller Opfer des Zweiten Weltkrieges in einer Gedenkfeier. Jeder finanziert den Aufenthalt im Kreis Düren selbst.

Rudolf Porsche (Fallschirmjäger-Regiment 9/3. Fallschirmjäger Division), Paul Schumacher (39th Infantry/9th Infantry Division) und Jack Dauner (von links nach rechts, 60th Infantry/9th Infantry Division) als junge Soldaten und Veteranen. Foto: ZVA/Sandra Kinkel
Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Besonders wichtig ist den Verantwortlichen, dass die Treffen der Arbeitsgruppe Grenzlandkeinerlei Kriegsverherrrlichung betreiben. „Es geht auch nicht darum, irgendjemanden an den Pranger zu stellen“, sagt Esser. „Wir wollen ein Stück dazu beitragen, dass das, was passiert ist, sich nicht wiederholt und nicht in Vergessenheit gerät. Ich möchte das, was meine Großeltern erlebt haben, nicht erleben müssen.“

André Beckers, der aus Maastricht zu allen fünf Treffen angereist ist, nennt noch einen anderen Aspekt: „Von den Erzählungen meines Vaters kannte ich nur eine Seite des Krieges. Die Deutschen waren die Bösen, alle anderen haben für Frieden und Freiheit in Europa gekämpft. Natürlich stimmt das, trotzdem empfinde ich es als große Bereicherung, auch die deutsche Seite kennenzulernen. Mein Vater hätte Treffen dieser Art für undenkbar gehalten. Aber sie zeigen doch, dass Frieden wirklich möglich ist.“

So ähnlich sehen das auch die drei Veteranen Rudi Porsche, Paul Schumacher und Jack Dauner, die sich bei den Treffen der Arbeitsgemeinschaft Grenzland 1944/45 kennengelernt haben. „Es bringt nichts, alte Feindschaften aufleben zu lassen“, sagt Porsche. „Als ich als junger Mann aus dem Krieg zurück gekommen bin, galt es, nach vorne zu schauen. Und das tue ich heute immer noch.“ Gleichwohl seien die Treffen mit den beiden amerikanischen Veteranen und den Kindern und Enkeln der Soldaten sehr emotional. „Das ist etwas Besonderes. Und es dient dem Frieden und der Völkerverständigung.“

Noch mehr Anfragen

Kein Wunder, dass Maren Esser, Albert Trostorf und ihre Mitstreiter vom Organisationsteam auch im nächsten Jahr unbedingt wieder ein Treffen ihrer Arbeitsgemeinschaft anbieten. „Es gibt schon jetzt wieder mehr Anfragen“, sagt Albert Trostorf. „Wir müssen sehen, was wir leisten können.

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