Düren: Die erste politische Demo in Düren nach dem Zweiten Weltkrieg

Düren : Die erste politische Demo in Düren nach dem Zweiten Weltkrieg

Eins war dem Lehrer Josef Blum immer wichtig: „Ich hatte immer das Bestreben, die Demonstration heiter und schön zu gestalten, quasi als Gegenstück zur damaligen Lage.“ Am 24. August 1968 war er der Verantwortliche für die erste politische Demonstration in Düren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Vor 50 Jahren geschah das, was heute unter „Prager Frühling“ bekannt ist. Die damalige Tschechoslowakei strebte unter dem Parteivorsitzenden der Kommunistischen Partei, Alexander Dubcek, einen liberaleren Kommunismus in Abgrenzung zum Kurs der Sowjetunion an. Letztere sah ihr Machtgefüge von Alexander Dubceks Plan angegriffen und trommelte die Staaten des Warschauer Paktes zusammen. Albanien, Bulgarien, die DDR, Polen, Rumänien, Ungarn und die Sowjetunion besetzten am 21. August 1968 mit Soldaten und Panzern alle wichtigen Punkte in der Tschechoslowakei. Mit Gewalt und ohne Gnade verhinderten sie so die sich anbahnende Liberalisierung des Landes.

Politisches Engagement

Ein Schritt, der grundlegend gegen die Prinzipien der damaligen Studentenbewegung verstieß. „Ich habe viele der Meinungen der 68er-Generation unterstützt“, erinnert sich Blum. Er brachte zu der Zeit seinen Schülern am Stiftischen Gymnasium Düren in Gemeinschafskunde bei, wie Demokratie funktioniert. „Ich habe ihnen erklärt, dass Wählengehen nur ein Schritt ist. Um wirklich etwas bewegen zu können, ist politisches Engagement unabdinglich“, sagt Blum.

Er lebte es als Parteimitglied der CDU seinen Schülern direkt vor, so dass einige von ihnen im August 1968 auf ihn zukamen, weil sie etwas gegen das Vorgehen der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei tun wollten. Als damaliger Bezirksvertrauenslehrer kam Blum die Idee, eine Demonstration zu organisieren. Dinge, die heute selbstverständlich erscheinen, waren Ende der 60er Jahre in Düren noch Neuland: Da es nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie eine Straßendemonstration gegeben hatte, waren die heute üblichen Regularien wie die Anmeldung bei der Stadt oder die Organisation von Polizeischutz noch unbekannt.

Und nicht nur das: Auch für Josef Blum war es die erste politische Demonstration, die er in seinem Leben alleine zu stemmen hatte. „Der Schulleiter vom Stiftischen Gymnasium, Dr. Heinz Kotthaus, war damals auch zeitgleich Oberbürgermeister. Ohne seine Zustimmung hätte ich das Ganze nicht machen können“, weiß Blum heute. „Ich habe die Demonstration mit seiner Hilfe bei der Stadt Düren angemeldet, damit war ich komplett verantwortlich für das Verhalten der Demonstranten“, erzählt Blum. „Vorher sprach mich ein Politiker an und meinte, wenn es Sachschäden geben würde oder Rufe wie ,Amis raus aus Vietnam‘, dann würde ich dafür haften.“

Das Unternehmen war also eine heikle Sache für Blum. „Ich war Ehemann, Vater von drei Kindern und finanziell stand es knapp — da bin ich schon ins Schwitzen gekommen.“ Abhalten ließ er sich dadurch aber nicht. Die Kosten für den dreistündigen Versicherungsschutz teilte er sich mit seinen Schülern. Außerdem verhandelte er mit den Polizisten, sich erst im Hintergrund aufzuhalten. Sobald er aber bei seiner Ansprache mit der linken Hand gestikulieren würde, sollte eingegriffen werden.

Dazu kam es aber zum Glück nicht, die Situation blieb ruhig. Den etwa 1600 versammelten Schülern des Stiftischen Gymnasiums, des Naturwissenschaftlichen Gymnasiums, des städtischen Mädchengymnasiums und der Angela-Schule gab Blum zu Beginn wichtige Worte mit: „Wenn unser Anliegen — die Freiheit der Tschechoslowakei — ernst genommen werden soll, dann müssen wir auch anderen Menschen in der Stadt, die sich heute nicht an unsere Demonstration beteiligen, ihre Freiheit lassen.“

Und auch von Seiten der Parteien und des Deutschen Gewerkschaftsbundes erhielt er Unterstützung: Sie alle riefen die Schüler auf, sich zahlreich an dem Protest zu beteiligen. „Ich glaube, ein Zehntel der Beteiligten waren Erwachsene, die spontan dazu stießen oder uns unterstützen wollten.“

In Sechserreihen liefen die Jugendlichen und Erwachsenen am 24. August 1968 nebeneinander und lauschten den Worten Blums. Ein weiterer Sprecher war Schulleiter und Oberbürgermeister Dr. Heinz Kotthaus. „Betroffen vom Unrecht und beschämt von der Heuchelei ist die Jugend zu diesem Protest zusammengekommen“, zitierte ihn unsere Zeitung damals. „Wenn Unrecht geschieht, darf man nicht schweigen“, stärkte Kotthaus dem jungen Lehrer den Rücken.

„Freiheit für Prag ist die Parole“, verkündete ein Schülersprecher, bevor sich der Zug der ersten politischen Demonstration in der Kreisstadt nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Weg durch die Straßen machte.

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