Kreis Düren: Die Aufgabenfelder für Grundschullehrer wachsen

Kreis Düren : Die Aufgabenfelder für Grundschullehrer wachsen

Grundschullehrer sind heute auch ein bisschen wie Fluglotsen, findet Tanja Küsgens: Sie müssen immer mehr gleichzeitig im Blick haben und sicher dirigieren. „Schulsozialarbeiter, Sozialpädagogen und Psychologen würden die Situation von Lehrern an Grundschulen verbessern“, betont sie. „Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich in der Grundschule wider.

Verhaltensauffällige Kinder gibt es heute in jeder Klasse.“ Küsgens, 40, ist seit 2015 Vorsitzende des Kreisverbandes Düren im Verband Bildung und Erziehung (VBE). Sie ist also Interessenvertreterin von 360 Grundschullehrern, die VBE-Kreisverbandsmitglieder sind. Küsgens weiß, welche Folgen der Mangel an Grundschullehrern hat. Daher müssten sich die Rahmenbedingungen für Grundschullehrer grundlegend ändern, ist sie überzeugt.

Ein Kritikpunkt sei, dass Grundschullehrer anders als andere Lehrergruppen für zusätzliche Pflichten außerhalb des Unterrichts kaum entlastet würden, erklärt Küsgens. „Die Arbeit mit den Eltern und der Austausch mit Jugendämtern wird bei manchen Kindern immer wichtiger, die Arbeitszeit nach dem Unterricht wird also immens“, erzählt die Kreuzauerin.

Die Aufgabenfelder von Grundschullehrern wachsen, was laut Küsgens auch daran liegt, dass es keine Schulkindergärten beziehungsweise Vorschulen mehr gibt, in denen Kinder auf die Schule vorbereitet werden. „Heutzutage sind viele Kinder zwar vom Alter her schulfähig, aber die sozialen Voraussetzungen stimmen nicht, grundlegende Regeln wie Zuhören kennen viele nicht.“ Das wiederum erzeugt für manche Lehrer quasi einen Teufelskreis. Denn Küsgens sagt auch, dass Eltern mehr dazu neigen würden, die Schule für Dinge verantwortlich zu machen, die eigentlich Erziehungssache der Eltern seien.

Pädagogische Qualität wird also wichtiger — nimmt aber an Grundschulen ab. Denn Lehrerstellen werden auch mit Seiteneinsteigern besetzt, weil ausgebildete Lehrer fehlen. Seiteneinsteiger sind beispielsweise Absolventen eines Sport-, Musik- oder Kunststudiums, die keine pädagogische Ausbildung haben.

Ausbildung sei schlechter geworden

Unter den aktuellen Bedingungen würde sich die 40-Jährige vielleicht kein zweites Mal für den Beruf entscheiden, sagt sie. Zumal auch die Ausbildung schlechter geworden sei — abgesehen von der Verkürzung des Referendariats von zwei Jahren zu ihrer Zeit auf anderthalb Jahre. Küsgens argumentiert: „Die Ausgleichsstunden für Fachleiter, die Lehramtsanwärter betreuen, sind geschrumpft — also steigt die Belastung.“

Konsequenz: Jene Fachleiter müssen ihre Unterrichtsbesuche anders organisieren und teilweise mehrere auf einen Tag legen. „Wenn sie dann zum Beispiel an einem Schulvormittag in Heimbach sind und dann noch nach Düren müssen, sieht man das gestiegene Pensum. Darunter leidet die Intensität der Besuche, also auch die Qualität der Betreuung.“

Die angespannte Lehrersituation führe im Kreis Düren aber nur bei unglücklichen Umständen zu wirklich „krassen Situationen“, meint Küsgens. In Gey-Straß zum Beispiel fehlte wegen Elternzeiten und Krankheiten länger ein Großteil der Lehrer. Die Situation hat das Schulamt des Kreises Anfang 2018 entschärft.

Auf Umstände in einzelnen Schulen kann Küsgens nicht eingehen. Auch wie die Mehrbelastung gerade auf die jungen und die älteren Lehrer wirkt, kann sie nicht pauschalisieren. Fest steht aber, dass verbeamtete und in vielen Fällen auch die tarifbeschäftigten Lehrer als Angestellte des Landes NRW keinen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit haben. „Der Beamtenstatus wird zum Problem, wenn ein Wochenende nicht mehr zur Erholung reicht“, sagt Küsgens, die aber eine Lanze für ihre Kollegen brechen will: „Viele engagieren sich über die Maßen. Lehrer haben eine persönliche Bindung zu den Kindern. Das ist wichtig für erfolgreiches Lernen.“

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