Düren: Der „Trümmerberg“: Wo Düren unscheinbar begraben liegt

Düren: Der „Trümmerberg“: Wo Düren unscheinbar begraben liegt

Der Berg ist eigentlich ein Hügel. Liegt da an der Nideggener Straße, jeden Tag fahren ungezählte Autos vorbei. Richtung Düren-Innenstadt, Richtung Niederau. Es ist eine Strecke vorbei an einem für Düren geschichtsträchtigen Ort. Wenn man so will, liegt die alte Stadt hier begraben. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Wiederaufbau begann und die am 16. November 1944 total zerstörte Innenstadt vom Schutt befreit werden musste, landete ein Großteil der nicht mehr zu gebrauchenden Trümmer auf dem Gelände an der heutigen Ecke Nideggener Straße / Gut Weyern.

Es ist eine Vermutung: Aber viele kennen dieses „Dürener Grab“ womöglich nicht. Einen Steinwurf entfernt beginnt der Burgauer Wald, gleich nebenan befindet sich der Wibbelrusch, ein Gelände, auf dem die „Kenntucky Muzzle Loaders“ einmal im Jahr ein historisches Camp errichten, um die Erinnerung an früheres Trapper-Leben inklusive Vorderladerschießen wach zu halten.

Dort also lieg der Dürener Trümmerberg. Der (ältere) Volksmund nennt das Areal so.

Jüngere Generationen können sich heute kaum vorstellen, wie Düren nach jenem 16. November, den viele als die „Stunde Null“ bezeichneten, tatsächlich ausgesehen hat. Die komplette Innenstadt war dem Erdboden gleich gemacht, mehr als 3000 Menschen fanden den Tod.

In seinem Buch „Düren 1940 bis 1947“ notiert der ehemalige Leiter des Dürener Stadtarchivs, Dr. Hans J. Domsta, dass in den Tagen nach dem 16. November ausländische Zwangsarbeiter unter der Aufsicht von S.A.-Wachmannschaften Straßen, die zu den Frontabschnitten um Düren führten, frei räumen mussten, Bombenlöcher notdürftig füllten und „meistens einspurige Fahrrinnen freilegten“.

Als die Amerikaner am 25. Februar 1945 Düren eroberten, setzten sie in einigen Straßen kurzfristig Bulldozer ein, die den Schutt zur Seite räumten, um den Militärfahrzeugen die Durchfahrt zu ermöglichen.

Verschiedene Plätze

Schon einen Monat später kehrten Evakuierte nach Düren zurück und räumten „vor ihren Behausungen“ Schutt zur Seite. Seit Juli 1945 mussten laut Domsta ehemalige Nationalsozialisten Schutt von Fahrbahnen und Bürgersteigen räumen. Im Januar 1946 schloss die Stadt mit einer Birkesdorfer Firma einen Vertrag zur Abfuhr des Schutts.

Über eigens verlegte Feldbahngleise wurden die Massen auf dem „Trümmerberg“ an der Nideggener Straße abgekippt. Abraum aus der Nordstadt landete auf einem Areal an der Schulstraße, Schutt aus der Weststadt wurde auf Grundstücke an der Eiswiese (nahe Tivolistraße) gebracht.

Das allein aber reichte nicht. Im April 1946 beauftragte die Stadt Düren ein Unternehmen aus Soest zur großräumigen Entschuttung der Stadt. In der „Zeittafel zur Geschichte Dürens“ (Domsta, Krebs, Krobb) heißt es, dass die Trümmer von der Stadt beschlagnahmt wurden. Die Kommune übernahm im Gegenzug die Kosten für die Aufräumarbeiten.

Ende Oktober des gleichen Jahres lebten schon wieder 27 600 Menschen in Düren. Dr. Egon Schiffer beschreibt die Lebensbedingungen in Düren in seinem Buch „„Verzweiflung und Hoffnung“ aus eigener Anschauung. Schiffer war damals 16 Jahre alt. Die Wohnungsnot sei groß gewesen, jedem Einwohner hätten nur rund fünf Quadratmeter zur Verfügung gestanden.

Die meisten Rückkehrer seien darauf bedacht gewesen, „Wohnraum für den dringendsten Eigenbedarf zu schaffen“. „Dieses eigenwillige Bauen erweckt in manchen Stadtteilen den Eindruck eines entstehenden Goldgräberdorfes und führte zur Bildung von ganzen Barackenvierteln“, notierte damals der Dürener Journalist Baltar Schmitz.

Andere Pläne

Aus seinen Beobachtungen schloss Egon Schiffer, der später als Herausgeber des „Dürener Lokal-Anzeiger“ fungierte und 2005 starb, dass „überall der Wille vorhanden war, die Stadt wieder in ihren alten Grundzügen aufzubauen, „im Gegensatz zu den Plänen der Stadtverwaltung, die der Stadt eine andere Struktur geben wollte und einen Wiederaufbau südlich des Stadtkerns plante, etwa von der Nideggener Straße aus in westlicher Richtung“.

Dass damals die Ernährungssituation und der Gesundheitszustand der Menschen schlecht waren, beschreibt Jakob Müller in den „Aachener Nachrichten“: „Unsere Ärzte sind machtlos, sie helfen, wo sie können. (...) Reich ist heute derjenige, der seine Gesundheit hat. Glücklich alle Menschen, sie sich so reich nennen können“.

In dieser Phase schritt die Entschuttung mit Baggern voran. Im August 1947 nahm die Soester Firma eine Trümmer-Sortieranlage am Jesuitenhof in Betrieb. Dort, so vermerkt es Schiffer, seien „täglich 300 bis 400 Kubikmeter Schutt für die Wiederverwendung gesammelt worden“. Die Marienkirche ist zu großen Teilen aus wieder aufbereitetem Schutt gebaut worden.

Das Unternehmen setzte rund 150 Loren ein. Der damalige Oberbürgermeister Richard Bollig ging davon aus, dass in fünf Jahren etwa 560.000 Kubikmeter Schutt geräumt würden.

Alle Männer zwischen 17 und 60 Jahren wurden einmal im Monat zur Entschuttung herangezogen. Für jeden Tag „Ehrendienst“ erhielten die Männer Lebensmittel. So wuchs der „Trümmerberg“, der eigentlich nur ein Hügel ist.

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